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Warum Tugenden ? - Einführung

 (nach André Comte-Sponville)

Die Tugend eines Menschen ist das, was ihn menschlich macht, anders gesagt, es ist das spezifische Vermögen, mit dem die eigene Vorzüglichkeit, das heißt, seine Menschlichkeit unter Beweis stellen kann. Sie ist unsere Art und Weise, menschlich zu sein und zu handeln, das heißt, sie ist unsere Fähigkeit gut zu handeln.

Tugend im allgemeinen Sinn ist Kraft, und im besonderen Sinne: menschliche Kraft oder Menschlichkeitskraft. Das setzt einen Wunsch nach Menschlichkeit voraus (der natürlich historisch ist, eine natürliche Tugend gibt es nicht), ohne den jede Moral unmöglich wäre.

 

Tugenden sind seelische, geistige oder charakteristische Dispositionen, die meine moralische Wertschätzung für den, der sie hat, ansteigen, und für den, der sie nicht hat, sinken lässt.

 

 „Nichts ist so schön und ehrenhaft, als wahrhaft und wie es sich gehört ein Mensch zu sein“ (Montaigne).

 Wir sollen dessen nicht unwürdig sein, was die Menschheit aus sich gemacht hat und aus uns.

Sich mit Tugenden auseinanderzusetzen bedeutet ständig mit seinem Narzissmus in Konflikt zu geraten, weil es einen fortwährend und sehr drastisch auf die eigene Unzulänglichkeit hinweist. Denken über die Tugenden ist Bewusstmachen der Entfernung von ihnen. Denken über ihre Vorzüge ist Denken über unsere Unzulänglichkeit oder unsere Erbärmlichkeit.

Das Nachdenken über die Tugenden macht nicht tugendhaft, jedenfalls ist bloßes Nachdenken immer ungenügend. Es fördert allerdings eine Tugend, nämlich die Demut : die intellektuelle Demut durch das überreiche Material der Tradition und die eigentlich  moralische Demut durch die Einsicht, dass uns fast alle diese Tugenden fast immer fehlen, und dass man sich gleichwohl mit ihrem Fehlen nicht abfinden und sich von der Verantwortung für ihre Schwäche, die die unsere ist, nicht freisprechen darf.

 

  Tugenden 

Treue

Klugheit

Mäßigung

 

Mut

Gerechtigkeit

Großherzigkeit

Mitleid

Barmherzigkeit

 

Dankbarkeit

Demut

Einfachheit

Toleranz

Reinheit

 

Sanftmut

Aufrichtigkeit

Humor

Liebe

 

 

 

 

Die vier Kardinaltugenden des Altertums und Mittelalters : Klugheit/Besonnenheit, Tapferkeit/Mut, Mäßigung und Gerechtigkeit.

 

Jede Tugend ist ein Nein zu zwei Exzessen, ein Grat zwischen zwei Abgründen, ein Gipfel zwischen zwei Lastern. Aber wer kann immer auf dem Gipfel leben? Denken über die Tugenden ist Bewusstmachen der Entfernung von ihnen.

 

Tugenden sind seelische, geistige oder charakteristische Dispositionen, die meine moralische Wertschätzung für den, der sie hat, ansteigen, und für den, der sie nicht hat, sinken lässt.

 

Es ist wohl jede Tugend Scheinliebe: Tugendhaft sein heißt, so zu handeln, als würde man lieben. Da wir nicht lieben können, tun wir eben so als ob, und das nennt man Moral. Wir brauchen Moral nur in Ermangelung der Liebe, doch genau aus diesem Grund brauchen wir die Moral so sehr. Moral ist der Anschein von Liebe: moralisch handeln heißt handeln, als ob man lieben würde.

 

 Recht handeln, dass heißt zunächst einmal tun, was man tut (=Höflichkeit), dann tun, was man tun soll (=Moral), und schließlich manchmal tun, was man tun will, sofern man liebt (=Ethik). So wie die Moral uns dadurch von der Höflichkeit befreit, dass sie sie erfüllt, genau so befreit uns ihrerseits die Liebe dadurch, dass sie die Moral erfüllt. Die Moral entsteht aus der Höflichkeit und strebt zur Liebe, sie bringt uns von der einen zur anderen.

 

Maxime der Moral: Handle, als ob du liebtest.

 

Tugend und Pflicht sind zwei verschiedene Dinge, die Pflicht ist ein Zwang, die Tugend ist eine Freiheit.

Das Gute existiert nur in der Vielfalt der guten Handlungen, und in einer unbestimmten Anzahl von guten Haltungen, die traditionellerweise mit dem Wort Tugend bezeichnet werden, was sich von Tauglichkeit herleitet.

Die Tugend eines Menschen ist das, was ihn menschlich macht. Tugend ist unsere Art und Weise, menschlich zu sein und zu handeln, das heißt, sie ist unsere Fähigkeit gut zu handeln.

 

Moralische Demut durch die Einsicht, dass uns fast alle diese Tugenden fast immer fehlen, und dass man sich gleichwohl mit ihrem Fehlen nicht abfinden, und sich von der Verantwortung für ihre Schwäche, die die unsere ist, nicht freisprechen darf.

 

Wir sollen moralisch sein, obwohl wir nicht mehr an die (absolute) Wahrheit der Moral glauben. In welchem Namen sollen wir also tugendhaft sein? Im Namen der Treue: aus Treue zur Treue ! Es gibt keine Moral der Zukunft. Alle Moral kommt, wie alle Kultur, von der Vergangenheit. Ohne Treue keine Moral.

 

Die Moral ist nicht wahr, sie gilt: Sie ist keine Sache des Wissens, sondern des Willens. Indem es keine Begründung der Moral gibt, auch keine geben kann, nimmt die Treue ihre Stelle ein.

 

Die Moral ist nicht alles, die Moral ist nicht das Wesentliche (die Liebe und die Wahrheit sind wichtiger). Aber wer, außer den Weisen und den Heiligen, käme ohne sie aus?

 

Moral ohne Klugheit ist sinnlose oder gefährliche Moral. Moral ist nicht genug für die Tugend: es braucht auch Verstand und Hellsichtigkeit. Es ist unklug nur auf die Moral zu hören, und es ist unmoralisch, unklug zu sein.

Es gibt keine absoluten Werte, es gibt kein System der Moral, keine Tugend, die allen genügt. Selbst die Liebe rechtfertigt nicht alles, entschuldigt nicht alles: Sie ersetzt die Klugheit nicht, sie ersetzt die Gerechtigkeit nicht.

Ebensowenig wie die Treue oder der Mut ist die Aufrichtigkeit eine hinreichende oder vollständige Tugend. Sie kann weder die Gerechtigkeit, noch die Großherzigkeit oder die Liebe ersetzen.

Vollständige Tugenden : Gerechtigkeit, Großherzigkeit, Klugheit                                                          

Unvollständige Tugenden : Treue, Mut                                                                                                                    

Geistige Tugenden : Klugheit, Barmherzigkeit.

 

 Treue

 

 Die Treue ist Erinnerungstugend.

Die Treue sagt Nein zur Unbeweglichkeit und zur Unbeständigkeit.

Die Treue ist das Gegenteil, nicht des Vergessens, sondern der leichtfertigen oder selbstsüchtigen Wankelmütigkeit, des Wortbruchs, der Perfidie, der Unbeständigkeit.

Die Treue ist das, wodurch und weswegen es Werte und Tugenden gibt.

Jede Treue ist liebend, immer, und deswegen gut, und deswegen liebenswert.

Seinen Gedanken treu sein heißt nicht nur, dass man sich erinnert, sie gehabt zu haben, sondern auch, dass man sie lebendig erhalten will. Seinen Gedanken treuer zu sein als der Wahrheit, wäre Untreue dem Denken selbst gegenüber. Treue zur Wahrheit zuerst. Darin unterscheidet sich die Treue vom Glauben und vom Fanatismus.

Wir sollen nur nicht die Vernunft, welche die Treue zum Wahren ist, mit der Moral gleichsetzen, welche Treue zum Gesetz und zur Liebe ist. Die eine kann natürlich mit der anderen einhergehen, und genau das nenne ich Geist.

Die Paarbeziehung bedingt Liebe und Dauer. Sie bedingt also Treue, weil die Liebe nur dauert, wenn Erinnerung und Wille die Leidenschaft fortdauern lassen.

Um so weniger könnte eine Partnerschaft auf Dauer bestehen, ohne diese Treue zur gemeinsamen Geschichte, ohne diese Mischung aus Vertrauen und Dankbarkeit, welche glückliche Paare im Alter so anrührend macht, anrührender als frisch Verliebte, die zumeist von ihrer Liebe nur träumen. Diese Treue scheint mit kostbar, kostbarer als die andere, und wesentlicher für die Partnerschaft.

 

Klugheit

 

Die Klugheit ist eine der vier Kardinaltugenden des Altertums und Mittelalters

Die Klugheit ist Voraussetzung für alle anderen Tugenden, die ohne sie weder wüssten, was zu tun ist, noch wie das erstrebte Ziel zu erreichen ist.

Selbst wenn Klugheit nur Vorsichtigkeit bedeutete, wäre sie noch immer Vorbedingung für jegliche Tugend. Nur Lebende sind tugendhaft, nur sie können es sein, nur die Vorsichtigen sind oder bleiben am Leben.

Die Klugheit herrscht nicht, dazu eignen sich Gerechtigkeit und Liebe besser, aber sie regiert. Die Klugheit beschließt, die Tapferkeit führt aus.

Die Klugheit setzt Ungewissheit, Risiko, Zufall, Nichtwissen voraus. Die Klugheit ist nicht Wissenschaft; sie ist der Ersatz da        für in Situationen, in denen es kein gesichertes Wissen gibt.

Die Klugheit entscheidet welche Wünsche befriedigt werden sollen, und mit welchen Mitteln.

Klugheit ist hellsichtig wählende Liebe.

Der kluge Mensch ist nicht nur dem gegenüber aufmerksam, was geschieht, er achtet auch auf das, was geschehen kann.

Die Klugheit ist sehendes, vernünftiges Wünschen. Sie gebietet was zu tun und was zu lassen ist.

Klugheit ohne Mut wäre bloß Zaghaftigkeit, ebenso wie der Mut ohne die Klugheit nur Tollkühnheit wäre.

Die Klugheit ist die modernste unserer Tugenden, ja, gerade die Moderne hat sie zur notwendigsten gemacht. 

Moral ohne Klugheit ist sinnlose oder gefährliche Moral. Moral ist nicht genug für die Tugend: es braucht auch Verstand und Hellsichtigkeit.

Es ist unklug nur auf die Moral zu hören, und es ist unmoralisch, unklug zu sein.

 

Mäßigung

 

Unmäßigkeit/Ausschweifung       ---------        Sprödheit/Nicht-Genießen können

 

Die Mäßigung ist eine der vier Kardinaltugenden des Altertums und Mittelalters

Die Mäßigung betrifft die lebensnotwendigen Wünsche des Individuums (Essen und Trinken) und der Gattung (Sexualität), die auch die mächtigsten und deshalb am schwersten zu beherrschen sind.

Die Mäßigung ist die Herrschaft unserer Seele über die vernunftwidrigen Regungen unserer Affekte und Gelüste.

Die Mäßigung ist kein Gefühl: sie ist Herrschaft, Beherrschung, das heißt eine Tugend. Sie ist die Tugend, die alle Arten von Rausch überwindet.

Die Mäßigung ist das Gegenteil des Überdrusses oder dessen, was zu ihm führt: wir sollen nicht weniger sondern besser genießen.

Die Mäßigung ist das Maßhalten, durch das wir Herr über unsere Genüsse bleiben, anstatt zu ihren Sklaven zu werden. Sie ist freier Genuss, der umso lustvoller ist, als er auch seine Freiheit genießt.

Die Mäßigung ist ein Mittel zur Unabhängigkeit, so wie diese ein Mittel zum Glück ist.

Maßvoll sein heißt, mit wenig zufrieden sein können; doch entscheidend ist nicht das Wenig, sondern das Können: die Genügsamkeit.

Der Körper selbst ist keineswegs unersättlich. Die Grenzenlosigkeit der Wünsche, die uns gierig, unzufrieden und unglücklich sein lässt, ist eine Krankheit der Phantasie.

Die Mäßigung ist – wie die Klugheit, und wie vielleicht alle Tugenden – eine Kunst des Genießens.

Der Feinschmecker zieht die Qualität der Quantität vor. Der Weise geht noch weiter: die Qualität seines Genusses ist ihm wichtiger als die Qualität des Essens, dass ihm den Genuss verschafft. Er ist ein Genießer seiner selbst, ein Genießer des Lebens.

Wem das Leben genügt, kennt keine Not

Mäßigung ist nicht, wie der Mut (der gerade in schweren Zeiten gefordert ist), eine Tugend der Ausnahmesituation, sondern eine alltägliche und bescheidene Tugend.

 

Gerechtigkeit

 

Rechtlichkeit         ---------          Gleichheit

 

Die Staatsgewalt, nicht die Wahrheit macht das Recht (Hobbes).

Nicht die Gerechtesten oder die Intelligentesten, sondern die Mehrheit bestimmt, was Gesetz ist (Juristischer Positivismus); Im Hinblick auf die Rechtlichkeit ist er unüberbietbar, im Hinblick auf den Wert ungenügend.

Warum folgt man der Mehrheit? Etwa weil sie mehr Vernunft hat? Nein, sondern weil sie mehr Macht hat !.

Die Gerechtigkeit ist ohnmächtig ohne die Macht; die Macht ist tyrannisch ohne die Gerechtigkeit.

Nicht die Gerechten setzen sich durch, sondern die Stärkeren, immer.

Deswegen sollen wir nicht träumen, aber wir dürfen kämpfen. – Für Gerechtigkeit ? Warum nicht, wenn wir sie lieben ?

Ohnmacht ist fatal; Tyrannei ist grauenhaft.

Man muss also die“ Gerechtigkeit und die Macht vereinigen“. Dazu dient die Politik, und dafür brauchen wir sie.

Wunschzustand ist, dass Gesetze und Gerechtigkeit in dieselbe Richtung gehen.

Gerechtigkeit ist Gleichheit, aber eine Gleichheit der Rechte, seien diese nun juristisch festgelegt oder moralisch verlangt.

Nicht die Gerechtigkeit macht den Gerechten, sondern der Gerechte die Gerechtigkeit.

Und wie das, wenn er sie gar nicht kennt? - Weil er sich an Recht und Gleichheit hält.

Die Gerechtigkeit bedeutet Achtung der Gleichheit der Rechte, nicht der Kräfte oder der Personen, nicht der Mächte.

Gerechtigkeit und Großherzigkeit betreffen beide unser Verhältnis zum anderen; doch die Großherzigkeit ist subjektiver, individueller, emotionaler, spontaner, während die Gerechtigkeit etwas Objektiveres, Universelleres, Intellektuelleres, Reflektiertes an sich hat.

Die Gerechtigkeit kann uns nicht von der Großherzigkeit befreien: Großherzigkeit mag gesellschaftlich weniger notwendig sein, menschlich, meine ich, ist sie wertvoller.

Selig, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden nie satt sein.

 

Großherzigkeit

 

Die Großherzigkeit ist die Tugend des Schenkens. Es geht darum, dem anderen etwas zu geben, was ihm nicht gehört, was einem selbst gehört und ihm fehlt. 

Liebe wäre besser, gewiss, und darum ist die Moral nicht alles, nicht das wesentliche. Aber Großherzigkeit besser als Egoismus, und Moral besser als Willenlosigkeit.

Die Großherzigkeit ist untrennbar mit einer Art Freiheit oder Selbstbeherrschung verbunden.

Großherzigkeit ist zugleich Bewusstsein der eigenen Freiheit und Entschlossenheit, sie zum Guten zu nutzen.

Großherzig sein heißt frei sein, und das ist die einzige wahrhaftige Größe.

Die Großherzigkeit ist der Sieg über den Egoismus, sofern der Wille beteiligt ist (sonst ist es Liebe). Die Großherzigkeit hängt von uns ab, wodurch sie eine Tugend ist, wodurch sie sich von der Liebe unterscheidet.

Gerechtigkeit und Großherzigkeit betreffen beide unser Verhältnis zum anderen; doch die Großherzigkeit ist subjektiver, individueller, emotionaler, spontaner, während die Gerechtigkeit etwas Objektiveres, Universelleres, Intellektuelleres, Reflektiertes an sich hat.

Die Gerechtigkeit kann uns nicht von der Großherzigkeit befreien: Großherzigkeit mag gesellschaftlich weniger notwendig sein, menschlich, meine ich, ist sie wertvoller.

Großherzigkeit muss nicht liebend sein, die Liebe hingegen ist fast notwendigerweise großherzig: man kann zwar schenken, ohne zu lieben, aber es ist so gut wie unmöglich zu lieben, ohne zu schenken.

Liebe lässt sich nicht gebieten, Großherzigkeit schon: Man braucht nur zu wollen.

Wir brauchen Großzügigkeit nur mangels Liebe, und darum brauchen wir sie fast immer.

Großherzig sein ist Bestrebtsein zu lieben und entsprechend zu handeln.

Die Liebe ist das Ziel, die Großherzigkeit der Weg.

Großherzigkeit vereint........

mit Mut, kann sie Heldenhaftigkeit sein.

mit Gerechtigkeit wird sie Billigkeit,

mit Mitleid wird sie Wohlwollen,

mit Erbarmen ist sie Nachsicht,

mit Sanftmut heißt Güte.

 

Barmherzigkeit

 

Die Barmherzigkeit ist die Tugend der Vergebung.

Sie ist die Tugend, die den Groll und den berechtigten Hass überwindet.

Maxime der Barmherzigkeit: Wo du nicht lieben kannst, höre wenigstens auf zu hassen.

Das Mitleid, das emotionaler, natürlicher, spontaner ist, stellt sich fast immer zuerst ein. Barmherzigkeit ist schwerer und seltener. Man muss nämlich zuerst nachdenken, was sich beim Mitleid erübrigt.

Es geht darum etwas zu verstehen. Was ? Dass der andere böse ist, sofern er das ist, oder dass er sich täuscht, sofern er sich täuscht, oder dass er fanatisch oder von seinen Leidenschaften beherrscht ist, sofern ihn Leidenschaften und Ideen beherrschen, kurz, dass es für ihn auf jeden Fall sehr schwierig wäre, dem entgegen zu handeln, was er ist. Welcher niederträchtiger Mensch hat sich frei dafür entschieden, niederträchtig zu sein?

Vergeben kann man nur dem, der etwas mit Absicht und Bedacht getan hat, also nur dem, der tat, was er wollte, anders ausgedrückt, dem, der frei gehandelt hat.

Dass es darum geht, den Hass in sich zu besiegen, wo man schon den Hass im anderen nicht besiegen kann, dass man wenigstens sich selbst beherrscht, wo man den Anderen nicht beherrschen kann, dass man wenigstens diesen Sieg verbuchen kann über das Böse, über den Hass, statt den Hass noch zu vermehren, dass man nicht auch noch zum Mittäter wird, wo man schon Opfer ist.

Die Barmherzigkeit annulliert die Böswilligkeit nicht, sie verzichtet auch nicht auf den Kampf gegen sie. Sie weigert sich aber, selbst böse zu werden und Hass gegen Hass, Egoismus gegen Egoismus, Gewalt gegen Zorn zu setzen. Die Barmherzigkeit überlässt den Hass den Hassenden, die Bosheit den Bösen, die Rachsucht den Schlechten.

Wenn es so ungeheuerliche Verbrechen gibt, dass der Verbrecher sie gar nicht sühnen kann, so bleibt immer noch die Möglichkeit, sie zu vergeben.

„ Bevor von Vergebung die Rede sein kann, müsste der Schuldige seine Schuld eingestehen statt sie abzustreiten. Wenn wir vergeben sollen, sollte man zuerst, nicht wahr ? uns um Vergebung bitten. Denn wenn es gerade die ungesühnten Verbrechen sind, die der Vergebung bedürfen, so sind es gerade die reuelosen Verbrechen, die ihrer nicht bedürfen (Jankélévitch).“

Man soll seine Feinde lieben, wenn man es kann, oder ihnen vergeben, wenn man es nicht kann.

Die Liebe ist Freude, nicht Ohnmacht oder Untätigkeit: seine Feinde lieben heisst nicht aufhören sie zu bekämpfen; es heisst sie fröhlich zu bekämpfen.

Die Barmherzigkeit ist die Tugend der Vergebung. Sie beseitigt nicht die Verfehlung, sondern die Rachsucht, nicht die Erinnerung, sondern den Zorn, nicht den Kampf, sondern den Hass.

Kann man sich selbst vergeben ? Aber sicher : man kann sich ja auch hassen, und man kann aufhören, sich zu hassen.

Selig sind die Barmherzigen, die ohne Hass kämpfen.

 

Sanftmut

 

Jähzorn       -------       Laschheit

 

Die Sanftmut ist eine weibliche Tugend. Was an ihr weiblich ist oder scheint, ist Mut ohne Gewaltsamkeit, Stärke ohne Härte, Liebe ohne Zorn.

Meist bewahrt nur der weibliche Anteil in ihm, den Mann vor dem schlimmsten.

Die Frau ist dem Menschlichen näher als der Mann (Rilke.

Sanftmut ist ein innerer Friede, und der einzige, der eine Tugend ist. Oft von Angst und Leid getrübt, manchmal von Freude und Dankbarkeit erhellt, aber immer frei von Hass, von Härte, von Gefühllosigkeit.

Sanftmut ist die Macht über sich und notfalls gegen sich.

Was außer Sanftmut könnte Gewalt, Zorn und Aggressivität zügeln?

Sanftmut begrenzt die Gewalt, so weit es geht, auf das notwendige und annehmbare Minimum.

Die Maxime der Sanftmut lautet: Sorge für dein Wohl mit dem geringstmöglichen Schaden für andere. Diese Maxime der Sanftmut, weniger erhaben als die der Nächstenliebe, weniger anspruchsvoll und weniger begeisternd, ist leichter zu verwirklichen und dadurch in der Tat nützlicher und notwendiger.

Sanftmut ist nur gut, sofern sie nicht die Anforderungen der Gerechtigkeit und der Liebe preisgibt.

Die Sanftmut ist das, was der Liebe am nächsten kommt, sogar noch näher als die Großherzigkeit, noch näher als das Mitleid.

Sanftmut und Reinheit treten fast immer gemeinsam auf.

 

Aufrichtigkeit

 

Ganz allgemein ist die Aufrichtigkeit nichts anderes als die Liebe zur Wahrheit.

Aufrichtigkeit ist sowohl eine Eigenschaft als auch eine Tugend.

Als Eigenschaft bedeutet sie die Übereinstimmung von Tat und Wort mit dem Seelenleben oder dieses letzteren mit sich selbst, als Tugend die Liebe zur Wahrheit oder die Achtung vor ihr.

Die Aufrichtigkeit ist mehr als Ehrlichkeit. Ehrlich sein bedeutet, andere nicht zu belügen; aufrichtig sein bedeutet, weder andere noch sich selbst zu belügen.

Die Aufrichtigkeit sollte unser Verhältnis zu anderen ebenso wie zu uns selbst bestimmen.

Die Aufrichtigkeit verbietet nicht zu schweigen, sondern zu lügen.

Man muss die Wahrheit sagen, so gut man kann und soweit es nötig ist, ohne dabei eine höhere oder dringlichere Tugend zu verletzen. Dass man aus Liebe oder aus Mitleid lügen kann und es manchmal sogar muss, will ich gerne zugeben.

Man sollte, so gut es geht, in Wahrheit leben und denken, auch um den Preis von Angst, Enttäuschung oder Unglück. Treue zum Wahren vor allem: besser wahre Traurigkeit als falsche Freude.

Ebenso wie die Treue oder der Mut ist die Aufrichtigkeit eine hinreichende oder vollständige Tugend. Sie kann weder die Gerechtigkeit, noch die Grossherzigkeit oder die Liebe ersetzen.

Die Aufrichtigkeit ist nicht so wichtig wie die Gerechtigkeit, wie das Mitleid, wie die Grossherzigkeit, nicht so wichtig natürlich wie die Liebe.

 

Liebe

 

Eros (begehrende Liebe) -> Philia (wohlwollende Liebe) -> Agape (Nächstenliebe)

 

Eine Dreiteilung, die notwendigerweise schematisch bleibt, aber die mir am ehesten unsere wirklichen Gefühle, ihre Entwicklung und den fortgesetzten Übergang von einer Form der Liebe zur anderen zu berücksichtigen scheint.

Wir brauchen Moral nur in Ermangelung der Liebe, doch genau aus diesem Grund brauchen wir die Moral so sehr. Moral ist der Anschein von Liebe: moralisch handeln heisst handeln, als ob man lieben würde.

Die Liebe hängt nicht von uns ab, sie ist das grösste Geheimnis, wodurch sie ausserhalb der Tugenden steht, wodurch sie eine Gnade ist, und die einzige.

Liebe ist Rückzug, Nicht-ausüben seiner Kraft, seiner Macht, seiner Gewalt: Die Liebe ist Sanftheit und Hingabe (Simone Weil)

Selbst die Liebe rechtfertigt nicht alles, entschuldigt nicht alles: Sie ersetzt die Klugheit nicht, sie ersetzt die Gerechtigkeit nicht..

Eros – Leidenschaft

- begehrliche Liebe -

Jede Liebe ist nämlich Liebe zu etwas, was sie begehrt, aber entbehrt. Diese Liebe ist nicht Vollständigkeit, sondern Unvollständigkeit. Nicht Verschmelzen, sondern Suche. Liebe ist Begehren, und Begehren ist Entbehren. Immer in Sorge um das, was sie liebt, und nie im Besitz ihres Objektes. Das ist die Leidenschaft, die uns zum Wahnsinn treibt und das Herz zerreisst, uns quält und verschmachten lässt, uns in Verzückung versetzt und gefangennimmt.

Leidenschaftlich ist die Liebe nur im Entbehren, sie ist dieses Entbehren selbst; folglich kann die Leidenschaft nur im Leiden, durch es, vielleicht für es andaurn. Das Entbehren ist Leiden, die Leidenschaft ist Leiden. (Gott ist das absolute Entbehren!). Leidenschaft also oder Langeweile !!

Wenn das Leben Entbehren ist, was entbehrt es dann ? Ein anderes Leben: den Tod.

Ein Entbehren dem Genüge getan ist, ist kein Entbehren mehr: die Leidenschaft wird das Glück kaum lange überstehen. Das Begehren wird durch die Befriedigung aufgehoben und ist darum zwangsläufig entweder unbefriedigt oder erloschen.

Daher das grosse Liebesleid, solange das Entbehren herrscht, und die grosse Traurigkeit der Paare, wenn es dies nicht mehr tut.

Wie könnte die Liebe etwas für immer besitzen, wo sie doch sterben wird, und wie könnte sie überhaupt etwas besitzen, wenn sie Entbehren ist ?

  1. Durch Schöpfung oder Niederkunft, durch Kunst oder Familie.
  2. Wenn die Liebe Entbehren ist, dann liegt es in ihrer Logik, dass sie immer stärker nach dem strebt, was sie entbehrt, nach dem, was sie immer stärker entbehrt, nach dem, was sie ganz und gar entbehrt, nämlich dem Guten, nämlich der Transzendenz, nämlich Gott.

Eros ist die begehrliche Liebe, die eifersüchtigen, die versessene, die besitzergreifende Liebe. Eine begehrliche Liebe, die den anderen zu seinem eigenen Wohl liebt. Diese Liebe ist nicht das Gegenteil des Egoismus; sie ist seine leidenschaftliche, auf etwas bezogene Art, gewissermassen eine Übertragung des Egoismus oder ein übertragbarer Egoismus.

Eros ist ein eifersüchtiger Gott. Wer liebt, will besitzen, wer liebt, will behalten, und zwar für sich allein.

Leidenschaft hat keinen Bestand, kann keinen Bestand haben: die Liebe muss sterben oder sich ändern. Will man der Leidenschaft um jeden Preis treu bleiben, wird man seiner Liebe und dem Werden untreu, wird man dem Leben untreu.

Aber ist dies die einzige Art der Liebe, zu der wir fähig sind ? Können wir nur entbehren? Nur träumen ? Was wäre das für eine Tugend, die nur zum Leid oder zur Religion führt ?

Philia - Freundschaft

- wohlwollende Liebe -

Lieben heisst, etwas geniessen und/oder sich an etwas erfreuen zu können.

Lieben heisst mit Vergnügen sehen, berühren, fühlen, erkennen oder sich vorstellen.

Liebe ist Freude, begleitet von der Idee einer äusseren Ursache.

Liebeserklärungen, die nichts vom gegenüber verlangt :

‚Der Gedanke, dass es Dich gibt, macht mich froh.’

‚Wenn ich daran denke, dass es Dich gibt, werde ich ganz froh.’

‚Ich verspüre eine innere Freude, und der Grund für diese Freude ist der Gedanke, dass es Dich gibt.’

Verlangende, begehrende Liebeserklärung :

Das ‚Ich liebe Dich’ verlangt, dass der andere antwortet ‚ich Dich auch’.

Sich freuen bedeutet im Gegenteil, gar nichts zu verlangen, bedeutet, eine Gegenwart, ein Dasein, eine Gnade in Ehren zu halten. Welch eine Leichtigkeit für einen selbst und für den anderen! Welch eine Freiheit! Welch ein Glück. Sich freuen bedeutet nicht verlangen, sondern danken, bedeutet nicht besitzen, sondern geniessen und sich freuen, bedeutet nicht Entbehren, sondern Dankbarkeit.

Wer dankt nicht gerne, wenn er liebt ? Wer erklärt nicht gerne seine Liebe, wenn er froh ist ? Genau aus diesem Grund ist die Freude Geschenk, Gabe, erwiderte Gnade.

Wer wird nicht gerne geliebt Wer freut sich nicht über die Freude, die er verschafft, Dadurch nährt die Liebe die Liebe und verdoppelt sie, macht sie um so stärker, um so leichter, als sie nichts entbehrt. Diese Leichtigkeit hat einen Namen : die Freude. Und ihr Beweis ist das Glück der Liebenden.

Ich liebe Dich: ich bin froh, dass es Dich gibt.

Die Dankbarkeit ist das Glück zu lieben : ‚Danke, dass es Dich gibt, danke, dass du bist, was Du bist.’

Nicht das, was mir fehlt, liebe ich, sondern das, was ich liebe, fehlt mir !

Der Wille des Liebenden, sich mit dem geliebten Dinge zu vereinigen, drückt nicht das Wesen der Liebe, sondern nur eine Eigenschaft derselben aus.

Das Geheimnis der Weisheit und des Glücks: Liebe gibt es nur in Freude, Freude gibt es nur, wenn man liebt.

Die Liebe ist also Freude, insofern sei wechselseitig ist oder sein kann: die Freude, zu lieben und geliebt zu werden, die gegenseitige beziehungsweise sich zur Gegenseitigkeit hin entwickelnde Wohlgesinntheit, das Zusammenleben, die verbindliche Wahl, beiderseitiges Vergnügen und Vertrauen, kurz gesagt, die Liebe als Aktion.

Versuchen wir zu verstehen, was bei den Paaren geschieht, bei denen, die es einigermassen schaffen, denen man es vielleicht gleichtun möchte, die glücklich wirken und sich immer noch zu lieben scheinen:

Solche Liebenden begehren sich einfach weiter, und, wenn sie seit Jahren zusammen leben, sicher eher aus Kraft als aus Entbehrung, eher aus Lust als aus Leidenschaft.

Darüberhinaus ist es Ihnen gelungen, die lodernden Flammen des Anfangs in Freude, Sanftmut, in Dankbarkeit, in klares Bewusstsein, in Vertrauen, in das Glück des Zusammenseins, also in Philia zu verwandeln.

Zärtlichkeit ? Das ist ein Aspekt ihrer Liebe, aber nicht der einzige. Da sind noch Einverständnis, Treue, Humor, die Vertrautheit der Körper und Seelen, die immer aufs neue erlebte Lust, da ist das wilde Tier, dem man sich stellt, das man zähmt, das siegreich und besiegt zugleich ist, da sind die beiden einander so nahen, so aufmerksamen und respektvollen Einsamkeiten, die sich gegenseitig zu beherrschen, aber auch zu stärken scheinen, da ist diese leichte und einfache Freude, diese Verbundenheit, diese Eindeutigkeit, dieser Frieden, da ist dieses Licht, der Blick des Anderen, da ist dieses Schweigen, dem man zuhört, da ist diese Kraft zu zweit, diese Offenheit zu zweit, diese Unsicherheit zu zweit.

Eins werden ? Das haben sie schon seit langem aufgegeben, wenn sie je daran geglaubt haben. Sie legen viel zu grossen Wert auf ihr Duett mit seinen Harmonien, seinem Kontrapunkt, seinen gelegentlichen Dissonanzen, um es in einen doch nicht möglichen Monolog zu verwandeln. Sie sind vom Liebeswahn zur weisen Liebe gelangt, wenn man so will, und ein Narr, wer einen Verlust darin erblickt, einen Schwund, eine Banalisierung, wo es doch im Gegenteil eine Vertiefung bedeutet, mehr Liebe, mehr Wahrheit, und eine regelrechte Ausnahme im Gefühlsleben.

Nichts leichter, als seinen Traum zu lieben ! Nichts schwerer, als die Realität zu lieben!

Nichts leichter, als besitzen zu wollen! Nichts schwerer, als hinnehmen zu können!

Nichts leichter als die Leidenschaft ! Nichts schwerer als die Paarbeziehung!

Sich verlieben kann jeder. Lieben nicht.

Verliebt sein ist ein Zustand, lieben eine Handlung.

Nun hängt eine Handlung zumindest teilweise von uns ab, man kann sie wollen, sich dazu verpflichten, sie weiterführen, sie hinausziehen, sie auf sich nehmen. Aber ein Zustand ? Zu versprechen, man bleibe verliebt, ist ein Widerspruch in sich. Jede Liebe, die sich in irgendeiner Weise festlegt, muss etwas anderes aufbieten als die Leidenschaft.

„Natürlich bin ich nicht mehr in ihn verliebt. Aber ich begehre ihn immer noch, und ausserdem ist er mein bester Freund.“

Der beste Freund, die beste Freundin, das ist der Mensch, den man am meisten liebt, ohne ihn jedoch zu entbehren, ohne sich zu grämen, ohne darunter zu leiden, das ist der Mensch, den man sich ausgesucht hat, den man am besten kennt, der uns am besten kennt, auf den man sich verlassen kann, mit dem wir Erinnnerungen und Pläne, Hoffnungen und Ängste, Glück und Unglück teilen.

Eheliche Freundschaft, und ich kenne kein glückliches Paar, das – abgesehen vom anfänglichen Feuer – damit angemessener beschrieben wäre als mit den Kategorien Entbehrung, Mangel, Leidenschaft oder Amour fou.

Lieber ein bisschen wahre Liebe als viel erträumte Liebe.

Lieber ein wahres Paar als eine geträumte Leidenschaft.

Lieber ein bisschen wirkliches Glück als eine glückliche Illusion.

Und warum ? Um der Aufrichtigkeit (als Liebe zur Wahrheit) willen, um des Lebens und des Glückes willen.

Das glückliche Paar (und einigermassen glücklich bedeutet glücklich) bietet Raum für die Wahrheit, für das Zusammenleben, für Vertrauen, für friedliche und sanfte Vertrautheit, wechselseitige Freuden, für Dankbarkeit, Treue, Grossmut, Humor, für die Liebe.

Wie viele Tugenden, damit eine Paarbeziehung zu stande kommt !

Eros und Philia können sich vermischen, und sie vermischen sich fast immer, vor allem zwischen Männern und Frauen. Man kann sich freuen (Philia) über etwas, das einem fehlt (Eros), und man kann etwas besitzen wollen (Eros), dessen Existenz allein bereits ein Glück ist (Philia), man kann also leidenschaftlich und freudig zugleich lieben.

Die begehrliche Liebe (Eros) ist zwar nicht unbedingt verwerflich, aber es eine egoistische Liebe: sie liebt den anderen zu ihrem eigenen Wohl. Die wohlwollende oder freundschaftliche Liebe dagegen ist eine grossherzige Liebe: sie liebt den anderen um seiner selbst willen.

Man weiss sehr wohl, dass die beiden sich vermischen können und dass dies meistens, wenn wir lieben, auch geschieht.

Manchmal herrscht die Begehrlichkeit allein, und selbst wenn die Liebe stark ist, steht sie in diesem Falle auf der niedrigsten Stufe. Oder Wohlwollen mischt sich unter die Begehrlichkeit, und je grösser der Anteil des Wohlwollens, desto höher die Stufe auf der die Liebe steht.

Meistens mischen sich Wohlwollen und Begehrlichkeit, und das ist auch gut so für jeden, der kein Heiliger ist – also für uns alle.Das macht es mir nämlich möglich, auf mein Wohl bedacht zu sein und gleichzeitig ein wenig Gutes zu tun, Egoismus und Altruismus zu verbinden.

Auch in der Paarbeziehung: Was ist natürlicher, als die Frau oder den Mann, den man heftig begehrt (Eros), zu lieben (Philia), was ist normaler, als dem Menschen, der uns Gutes tut, Gutes zu wollen, was normaler, als denjenigen, mit dem man die Freuden der Sinne geniesst, voller Freude und Wohlwollen zu lieben, der Freund also des Menschen zu sein, den man begehrt und besitzt.

Eros und Philia verbinden sich fast immer, und das nennt man dann eine Paarbeziehung oder eine Liebesgeschichte.

Nur dass Eros sich in dem Masse abnutzt, wie er befriedigt wird, oder vielmehr nur zu neuem Leben erwacht, um wieder zu sterben, wieder zu erwachen und wieder zu sterben, allerdings immer weniger stürmisch, immer weniger leidenschaftlich, immer weniger entbehrend, wohingegen Philia bei einem glücklichen Paar immer stärker, immer tiefer wird, sich immer mehr entfaltet.

Das ist die Logik des Lebens, die Logik der Liebe.

Zunächst liebt man nur sich selbst: der Liebhaber stürzt sich auf das Geliebte wie der Säugling auf die Brust und der Wolf auf das Schaaf. Das ist die Liebe, die nimmt, die Liebe, die verschlingt. Eros bedeutet Egoismus.

Dann lernt man (in der Familie, in der Paarbeziehung), den anderen auch ein wenig um seiner selbst willen zu lieben: Freude, Freundschaft, Wohlwollen. Dadurch gelangt man von der körperlichen zur geistigen Liebe, von der Liebe zu sich selbst zur Liebe zum anderen, von der nehmenden zur gebenden Liebe, vom Begehren zum Wohlwollen, vom Entbehren zur Freude, vom Ungestüm zur Sanftmut – von Eros zu Philia.

 

                                                               Agape - Nächstenliebe

 

Wie viele Lebende verursachen uns Freude, und zwar bis zu einem Punkt, dass sie in uns den Egoismus besiegen ?

Einige Kinder, einige Verwandte, einige wahrhafte Freunde, ein oder zwei Geliebte.... Das macht, und zwar im besten Fall, zehn oder zwanzig Personen für jeden von uns, die wir zu lieben fähig sind: es bleiben viel mehr als fünf Milliarden Menschen, die sich außerhalb des Bereichs dieser Liebe befinden. Man muss sich bezüglich ihrer mit Moral, mit Pflicht, mit dem Gesetz begnügen? Gibt es zwischen der Freundschaft und der Pflicht nichts? Zwischen der Freude und dem Zwang ?

Das zu lieben, was fehlt, ist jedermann möglich (=Eros).

Seine Freunde zu lieben bleibt uns, auch wenn es schwieriger ist, zugänglich (=Philia).

Aber seine Feinde lieben? Die, die uns gleichgültig sind, lieben? Die lieben, die uns weder fehlen noch uns erfreuen? Die lieben, die uns belästigen, uns traurig machen oder uns Böses tun? Wie können wir dazu fähig sein ?

Diese Liebe, und selbst wenn es das nicht gäbe außer als Ideal oder in der Phantasie, verdient diese Liebe jenseits der Liebe (jenseits des Eros, jenseits der Philia), diese sublime und vielleicht unmögliche Liebe zumindest einen Namen. Dieser Name ist gemeinhin der der Nächstenliebe, französisch Charité, altgriechisch Agape.

Es ist dritte Definition, die dritte Liebe, oder der dritte Name der Liebe.