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Mephistopheles in Goethes Faust: "So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element."

Théodore Jouffroy: "Ein Tag genügt, um festzustellen, dass ein Mensch böse ist; man braucht ein Leben, um festzustellen, dass er gut ist."

Immanuel Kant: "Der Krieg ist darin schlimm, dass er mehr böse Leute macht, als deren wegnimmt."

Mark Twain: „Jedermanns privates Motto: Es ist besser, beliebt zu sein, als Recht zu haben.“

Wilhelm Busch: „Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, was man lässt.“

Voltaire: „Bedenkt, dass Fanatiker gefährlicher sind als Schurken. Einen Besessenen kann man niemals zur Vernunft bringen, einen Schurken wohl!“

Friedrich Dürrenmatt: „Die Liebe ist ein Wunder, das immer wieder möglich, das Böse eine Tatsache, die immer vorhanden ist.“

 

Das ganz normale Böse – warum Menschen morden

R. Haller, rororo Taschenbuch 2011

Das Böse ist – wie der Bochumer Psychiater Prof. Rayk formuliert – ein mysteriöses Konstrukt, unter dessen Dach sich alle möglichen Varianten des Unguten versammeln. Es ist der Inbegriff des Negativen, des Schlechten und des Zerstörerischen (S 14)

Nach Augustinus kommt das Böse aus dem freien Willen des Menschen, der durch die Erbsünde Schuld für sein Leiden trage, in die Welt. Immanuel Kant sieht den Ursprung des Bösen in der durch Egoismus, Gier oder Hass geprägten menschlichen Natur. In seinem Werk „Über das radikal Böse in der menschlichen Natur“ hält er den Menschen zwar nicht für bösartig, glaubt aber an eine Neigung zum Bösen, die sich überwinden lasse. Den Kant’schen Gedanken, wonach die Wurzel des Bösen in der Freiheit des menschlichen Willens zu suchen sei, bringt der Philosoph Rüdiger Safranski mit den Worten „Das Böse ist der Preis der Freiheit“ auf den Punkt. Das Böse wird als notwendig angesehen, um dessen Gegenstück, das Gute, überhaupt zu erkennen (S 15)

Je mehr der Wille durch tiefgreifende Emotionen, hochgeschaukelte Affekte, dynamischen Druck einer Gruppe oder mitreißenden Sog einer Masse, durch Alkohol- oder Drogeneinfluss oder durch psychische Krankheiten beeinträchtigt ist, umso mehr verschiebt sich die Grenze zwischen Bösem und Gestörtem, zwischen freier Entscheidung und krankhaft determinierten und damit unfreiem Handeln. Je klarer der Verstand, desto grösser die Möglichkeit zur bösen Entscheidung. Halten wir also fest : Ein Tatverhalten ist als umso bösartiger zu bezeichnen, je mehr der dahintersteckende Plan in vollsinnigem Zustand entworfen wurde und je weniger der Täter durch emotionale Einflüsse, Berauschungen, psychopathologische Phänomene oder Hirndefekte beeinträchtigt gewesen ist (S 25)

Das Empfinden der Bevölkerung wertet jene Taten als besonders verwerflich, die zu jeder Zeit und in jeder Kultur als moralisch untragbar und sündhaft gelten. In der Rechtskunde werden Mord, Vergewaltigung, Diebstahl als „delicta mala per se“ bezeichnet, das bedeutet, sie werden unabhängig von jeder rechtlichen und religiösen Wertung als böse eingeschätzt (S 25).

 In diesem Sinne kann das Böse als jener Handlungsteil verstanden werden, der mit freiem Willen unter Umgehung des „Moralinstinkts“ durchgeführt wird und sich in aggressiver Weise gegen die körperliche, psychische oder soziale Integrität anderer richtet (S 26)

Unerklärliche Gewalttaten oder Morde ohne Motive haben nicht nur Kriminologen und Psychiater, sondern auch Künstler  und Philosophen beschäftigt. Während die Psychiatrie symptomarm verlaufende Geisteskrankheiten, beginnende Schizophrenien oder unerklärliche narzisstisch Spannungszustände als eigentliche Ursache vermutet, rücken die Kulturschaffenden die Sinnlosigkeit des Daseins und das überhandnehmende Gefühl der Entfremdung in den Mittelpunkt. Wenn das Leben keinen Sinn hat, braucht das Verbrechen keine Erklärung – es geschieht einfach … Vielleicht, so ist zu befürchten, liegt das Motiv der unerklärlichen Gewalttätigkeit heutiger Jugendlicher im übersteigerten „sensation seeking“, im suchtartigen Streben nach Abwechslung und neuen Erlebnissen, was nichts anderes heißt, als dass das Böse dazu dient, ein optimaleres Erregungsniveau zu erreichen oder – anders gesagt – das Leben und die Wirklichkeit durch eine außergewöhnliche Tat überhaupt einmal zu spüren (S 39)

In seinem berühmten Experiment wies der amerikanische Psychologie Stanley Milgram nach, dass 65% der Versuchspersonen bereit sind, unter autoritären Bedingungen selbst Tötungsbefehle auszuführen. Dabei handelt es sich nicht um selbstunsichere, unreife, psychopathische oder sadistische Menschen, sondern um normale Durchschnittsbürger … Starre Autorität stand gegen die  stärksten moralischen Grundsätze der Teilnehmer, andere Menschen nicht zu verletzen, und obwohl den Testpersonen die Schmerzensschreie der Opfer in den Ohren klangen, gewann in der Mehrzahl der Fälle die Autorität (S 49f)

Die erstaunliche Antwort ist, dass nach allen wissenschaftlichen Untersuchungen nur 5 bis 10% der Massenmörder psychisch gestört sind (S 51)

Die psychiatrische Antwort lautet, dass in jedem Menschen das Gute und das Böse vorhanden sind und je nach Veranlagung, Erziehungseinflüssen, Lebenserfahrungen und äußeren Umständen in der einen oder anderen Form manifest werden können. Sofern psychische Krankheiten keine Rolle spielen, muss der Mensch die Fähigkeit zur Spaltung in ganz gut und ganz böse, in normal und abnorm besitzen und imstande sein, mit diesem unmittelbaren Nebeneinander zu leben. Es erübrigt sich deshalb die Frage nach einer eindeutigen Unterscheidung in gute und böse Menschen (S 54f)

Wir können zwischen bösen, fanatischen und kranken Ideen unterscheiden. Bei bösen Ideen setzen wir ein hohes Maß an freiem Willen voraus, das heißt, die Idee ist trotz ihrer Verwerflichkeit nicht Folge von krankhaften Gedankengängen oder von schweren emotionalen Einflüssen. Vielmehr entspringt sie einer normalen Psyche und unserem freien Denken und wird somit zur Grundlage dessen, was im Strafrecht als „böser Wille“ bezeichnet wird. Bei kranken Ideen ist hingegen keine freie Willensbildung mehr möglich. Der Betroffene ist seiner pathologischen Verstellung mehr oder minder hilflos ausgeliefert und kann sich nicht mehr frei entscheiden. Während beim Fanatismus noch eine gewisse Korrektur und Selbststeuerung möglich sind, dominiert der Wahn das Denken, Fühlen und Wollen in absoluter Weise. Die wahnhafte Idee kann vom Betroffenen nicht korrigiert werden … (S 67)

Ein schreckliches Verbrechen steht in unserer emotionalen und rationalen Bewertung im Spannungsfeld zwischen den beiden Polen „krank“ und „böse“ (S 70)

Diktaturen und Kriege sind ohne Ideologie, ohne fanatische und böse Ideen nicht möglich (S74)

Aggressionshandlungen, speziell Tötungsdelikte, werden nahezu durchgehend von heftigen affektiven Reaktionen begleitet oder getragen. Besonders ausgeprägt sind Gefühle des Ärgers, der Enttäuschung oder des Hasses bei Beziehungsdelikten (S 85)

In Deutschland ist wie im übrigen Europa Sexualmord, das in seiner Art und Wirkung dem Bösen oft sehr nahe kommt, tendenziell rückläufig …. Liegen die Zahlen seit Anfang der 1990er Jahre deutlich unter 40 Fällen pro Jahr (S 99)

Was aber geht in den jungen Amokläufern innerlich vor? Das wesentlichste Element in der Entwicklung zum modernen Amokschützen besteht in Resignation und verbittertem Rückzug. Amokläufer haben in ihrem jungen Leben viele Kränkungen mitgemacht. Sie sind viel empfindsamer und dünnhäutiger, als man dies hinter ihrer kontrollierten, ruhigen Fassade vermuten würde (S 115)

Der Streit, ob Computerspiele eher den Aggressionsabbau fördern oder zur Nachahmung aggressiven Verhaltens anregen, ist nicht entschieden. Beide Theorien können überzeugende Argumente für sich verbuchen. Das Verhängnisvolle des virtuellen Spiels ist die Entpersönlichung des anderen, des Mitspielers, des Konkurrenten, des Gegners, des Opfers. Der zu vernichtende Gegner auf dem Bildschirm ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, kein geliebtes Kind oder behütender Vater, kein Wesen mit Schicksal, keine Person. Die Vernichtung durch den Computer-Klick löst bei niemandem Tränen und Trauer aus, man braucht weder Empathie noch Mitleid. Und das ist das Verhängnisvolle: die spielerisch erlernte Entpersonifizierung des Nächsten, die durch den am Bildschirm tausendfach eingedrillten Reflex in Herz und Hirn übergeht (S 117)

Es gibt nach allen Untersuchungen keine Hinweise, dass eine typische Terroristenpsyche existiert und dass Terroristen psychisch wirklich krank sind. Sie sind keinesfalls dumm oder schwer psychopathisch, sondern in der Regel intelligent und gebildet. Von ehemaligen Kollegen, von ihren Vermietern oder Mitstudenten werden die späteren Attentäter als freundlich, zurückhaltend und unauffällig beschrieben. Man kann lediglich ableiten, dass die Akteure oft unter gestörtem Selbstwertgefühl leiden und unter bestimmten gruppendynamischen Bedingungen zum polarisierend- absolutem Denken neigen, überwertige Ideen entwickeln und im Laufe der Zeit einen zunehmenden Realitätsverlust erleiden und aus dieser Haltung heraus zu extremen Gewalttaten bereit sind (S 121)

Die Lust, die Frau zur Stärkung des eigenen Selbstwertgefühls zu unterdrücken, ist viel dominanter als die sexuelle Lust. Lust an der Macht und Macht in der Lust kombinieren sich bei der gewaltsamen Sexualität oft in fataler Weise … Sexueller Gewalttätigkeit liegt somit ein ganzes Bündel von Motiven und Zielen zugrunde die überwiegend nicht aus krankhaften Störungen resultieren und somit eher „bad“ als „mad“ sind. Das Streben nach Stärke, Kontrolle und Identität, schwelende innere Feindseligkeit und Hass gegenüber Frauen, Minderwertigkeits- und Ohnmachtsgefühle aufseiten des Mannes sind fast nie Schuldausschließungsgründe (S 175)

Eine Untersuchung der Berliner Polizei zu häuslicher Gewalt kam zu dem Schluss, dass ein Viertel der registrierten Fälle ‚gefährlicher und schwerer Körperverletzung‘ von Frauen an Männern ausgeübt wird. Jedenfalls handelt es sich bei häuslicher Gewalt gegen Männer nicht nur um Einzelfälle (S177)

Zwillings-und Adoptionsstudien haben nachgewiesen, dass kriminelles Verhalten Erwachsener zumindest teilweise genetischen Einflüssen unterliegt. Nach verschiedenen Grossstudien mit adoptierten Kindern und deren Eltern, zeigte der biologische Nachwuchs von Kriminellen eine deutlich erhöhte Tendenz zur Straffälligkeit, auch wenn die Nachkommen bei nicht kriminellen Adoptiveltern aufgewachsen sind. Alle bedeutenden Adoptionsstudien haben die höchste Quote an Kriminalität bei jenen Adoptivkindern gefunden, deren Adoptiv- und leiblichen Väter vorbestraft waren (S 190)

Die jugendlichen Amokläufer stammen meist nicht aus sozial benachteiligten, verwahrlosten Verhältnissen, sondern aus Mittelschichtfamilien, und sind nicht in ‚delinquency areas‘ von Ballungsräumen, sondern in gutbürgerlichen Vorortbezirken aufgewachsen (S 191)

Der rechte Linsenkern (Putamen), eine Region des Gehirns, die in den letzten Jahren bei der wissenschaftlichen Suche nach dem Sitz des Bösen in den Mittelpunkt des Interesses gerückt ist. … Durch moderne Untersuchungen mit Hilfe von Magnetresonanz-Tomographen konnte aber nachgewiesen werden, dass er auch bei verschiedenen Gefühlen, besonders Liebe und Hass, aktiv wird (S 199) … Seit längerem bekannt und auch besser durchschaubar sind die Auswirkungen von Störungen des Frontalhirns auf aggressives und kriminelles Verhalten. Eine Schädigung des Frontalhirns durch Kopfverletzungen, Tumore oder Entzündungen führt zu erhöhter Impulsivität und Aggressivität, zu rücksichtslosem Verhalten, zu erhöhter Risikobereitschaft, kurzum, zu einer Enthemmung von Trieben und Impulsen (S 200) … Manche Besonderheiten im Aufbau bestimmter Hirnstrukturen können wahrscheinlich destruktive Gedanken auslösen und aggressive Impulse induzieren. Schädigungen in anderen Hirnregionen erschweren die Kontrolle über gewalttätige Impulse oder verhindern das Zurückhalten von Triebdurchbrüchen. Wieder andere Hirnanomalien schränken die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzufühlen, entscheidend ein oder fördern negative Phantasien. Trotzdem lässt sich keinesfalls folgern, dass Besonderheiten im Hirnaufbau oder Schädigungen der Hirnmasse aus einem normalen Menschen einen Verbrecher machen oder der Sitz des Bösen im Gehirn geortet werden könnte (S 206)

„Der Code des Bösen“

1.      Psychopathie.

2.      Entwürdigung und Entmenschlichung anderer Personen oder Lebewesen

3.      Hoher Planungsgrad der Tat

Der Psychopath hat wenig moralisches Verantwortungsgefühl, handelt gewissenlos, zeigt oft kein Einfühlungsvermögen und ist in seinem gesamten Fühlen extrem auf die eigene Person fixiert. Einige Psychopathieformen weisen eine starke Nahbeziehung zu delinquentem Verhalten auf, und zwar die asoziale, die impulsiv-aggressive, die fanatische und die extrem egozentrisch-narzisstische Form … Aggressionen gehören zu den Urtrieben des Lebens und stellen jene Kraft dar, die das Überleben sichert und Fortschritt bedeutet. Aggressionen zwischen den Menschen dürfen sich aber nicht in ihrer reinen, primitiven Urform entladen, sondern sollen sich in eine höhere, kultiviertere Form verwandeln lassen, etwa in Leistung und Wettbewerb, in Sport und Kreativität oder – pauschal ausgedrückt – in Zivilisation und Kultur. Bei bösen Taten erfolgen keine Veredelung und Sublimierung der Aggression mehr, sondern sie wird in ihrer ursprünglichen, destruktiven Form eingesetzt. …. Ein weiteres Hauptelement der bösartigsten Form eines menschlichen Charakters ist der Narzissmus. Vereinfacht ausgedrückt könnte man sagen, dass sich der normale oder gutartige Narzisst selbst über andere erhöht. Er schöpft seinen Selbstwert aus seinem Gefühl der Überlegenheit seines Aussehens, seines Charmes und Esprits oder seines beruflich-wirtschaftlichen Erfolgs. Der negative Narzisst hingegen bleibt durchschnittlich, verschafft sich aber dadurch eine herausragende Position, dass er die anderen unterwirft. Je mehr er jemanden erniedrigt und entwürdigt, desto überlegener und grandioser fühlt er sich selbst. Der narzisstische Mensch versteht es aber, diese negativen Tendenzen zu überspielen, und präsentiert sich nach außen als verständnisvoll, anpassungsfähig, kritisch und loyal. Bösartige Narzissten werden von der Umgebung nicht leicht erkannt.

Antisoziales Verhalten manifestiert sich schon in der Kindheit durch Weglaufen, Schulschwänzen, Tierquälen, Brandlegen oder frühen Missbrauch von Alkohol und Drogen. Antisoziale Menschen brechen die Berufsausbildung vorzeitig ab, wechseln den Arbeitsplatz sehr häufig oder gehen überhaupt keiner Beschäftigung nach, können keine partnerschaftlichen Beziehungen führen und werden bald straffällig. Zu unterscheiden sind zwei Formen des antisozialen Verhaltens: Die aggressive Form macht sich durch häufige Verurteilungen aufgrund von Körperverletzung, Sachbeschädigung, Raubüberfall oder gar von Tötungsdelikten bemerkbar. Bei der ausnützerisch-parasitären Form dominieren Lügen, Stehlen, Einbrechen, Fälschungen, Betrug und Prostitution. … Gemeinsam ist allen Menschenmit psychopathischem Charakter, dass sie sich nicht in andere hineinfühlen können, da sie selbst keine Gefühle haben. Sie haben in der Kindheit, in der sie selbst Opfer von Gewalt geworden sind, ihre Gefühlswelt abgetötet. Sonst hätten sie die Qualen nicht ertragen können (S 212f).

Entwürdigung und Entmenschlichung anderer Personen oder Lebewesen. Der Sexualmörder sieht in seinem Opfer kein menschliches Wesen, sondern ein reines Lustobjekt. Der Killer zielt nicht auf Menschen aus Fleisch und Blut, sondern auf seelenlose Gebilde, die es genau zu treffen gilt. Den Höhepunkt – oder besser gesagt den Tiefpunkt – haben Entwürdigung und Entmenschlichung in den genau geplanten Deportationen und im Genozid sowie in jenen Maßnahmen, die man unter Vermeidung des wahren Ausdrucks als ‚Säuberung‘ bezeichnet (S 214f)

Hoher Planugsgrad. Je unüberlegter und spontaner eine Handlung ausgeführt wird, je weniger der Ablauf überlegt und die Folgen bedacht werden, je mehr sie von heißen Emotionen als von kaltem Verstand gelenkt wird, desto geringer ist ihr Grad an Bösartigkeit. Umgekehrt zeichnet sich das Böse dadurch aus, dass der Planungsgrad eines Verbrechens sehr hoch und detailliert ist, die Folgen genau abgeschätzt werden und die Durchführung mit großer Selbstkontrolle erfolgt (S 217)

Die genannten Komponenten des Bösen werden durch Gruppeneffekte und massenpsychologische Abläufe potenziert. Es gehört zur Dynamik einer Gruppe, dass Meinungen primitivisiert, Emotionen hochgeschaukelt und destruktive Kräfte in elementarer Form freigesetzt werden (S.219)

Im Krieg wirkt somit die ganze Palette des Bösen zusammen: eine rücksichtslose, fanatische oder kranke Idee, die negative Identifizierung der Massen, die außer Kontrolle geratenden Kräfte der Gruppe, das unberechenbare Feuer der Emotionen und die Entbindung des Einzelnen von seiner Verantwortung. Dazu kommt ein weiterer, für die Entwicklung des Bösen wichtiger Faktor, und zwar die Autorisierung der Aggression: Das bedeutet, das gewalttätige Verhalten wird von oben, von einer höheren Macht, vorgegeben und gerechtfertigt. Der Krieg beschwört einen Zustand herauf, in dem sich der Mensch mit seinem Moralinstinkt nicht mehr auseinandersetzen muss. Unter Delegierung des Gewissens an eine Idee oder Obrigkeit kann er all das bislang gezähmte oder kultivierte Böse in seiner primitiven Form ausleben (S 221)

In Anwendung des Freud’schen Wortes, wonach alles, was die Kulturentwicklung fördere, auch gegen den Krieg arbeite, wird es vielleicht möglich sein, die großen Schlachten zwischen den Völkern durch den Kampf der besseren Ideen, wirtschaftlichen Wettbewerb oder sportliches Kräftemessen zu ersetzen. Vielleicht können wir das Böse auch ein Stück weit in das große Netz, in dem sich das Verbrechen ohnehin zunehmend verbreitet, verlagern und das Aggressionsbedürfnis ‚virtualisieren‘. Entscheidend wird aber sein, inwieweit es gelingt, zwischen den Menschen bessere Gefühlsbildungen zu schaffen. Dabei geht es um Empathie und Versöhnung, die sich nicht nur auf das Verhältnis zu anderen Menschen, sondern auch auf die eigene Entwicklung und die individuellen Traumatisierungen beziehen müssen. Letztlich geht es aber immer um die Liebe. Selbst der Agnostiker Sigmund Freud beruft sich in seinen Überlegungen zur Überwindung des Bösen auf einen zentralen Satz der Bibel: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. ( S 232)

  

Die Kunst kein Egoist zu sein

 R.D. Precht, Goldmann Verlag 2010

 

Zusammenfassung :

Das Gute schlechthin gibt es nicht. Das Gute ist relativ. Als Gut erlebe ich das, was ich tue, dann, wenn ich meine, dass mein Tun für andere wertvoll ist. Meine Vorstellungen über wertvolles Verhalten mischen sich aus sozialen Instinkten und den Einflüssen meiner Erziehung. Wir halten für gut, was wir als Kinder gelernt haben, was in unserem Umfeld als Gut gilt und was besser zu sein scheint als das Verhalten der schlechtesten Gruppenmitglieder unserer Umgebung. Das Gute, was ich tue, strahlt auf mich zurück. Mein Gehirn belohnt mich dafür mit nachhaltig guten Gefühlen. Zusammen mit vielem anderen nimmt mein gutes Handeln Einfluss auf mein Selbstbild. Es ist mir wichtig, vor mir selbst gut dazustehen. Mein langfristiges Wohlbefinden ist davon stark abhängig. Doch mein Selbstbild entsteht nicht nur im Zwiegespräch mit mir selbst. Es prägt sich aus im Umgang mi andreren. Um akzeptiert zu sein, gut anzukommen und nicht dumm aufzufallen, bin ich mitunter bereit, meine Grundsätze zu verschieben, mal bewusst und mal unbewusst. Opportunismus und flexible Grundsätze sind ein Teil unserer sozialen Natur. Entstehen dabei kognitive Dissonanzen, so rücken wir unser Selbstbild mit vielen Tricks wieder zurecht. Wir machen kohärent, was nicht kohärent zu sein scheint: mit Vergleichen und Verdrängen, mit Abstraktionen und Worten bis hin zu Selbsttäuschungen. Es ist wichtiger, sich weiterhin zu mögen, als mit sich selbst schonungslos ins Gericht zu gehen. Und uns selbst zu bestätigen ist das zwingendere Gesetz als unsere Verpflichtung zur Wahrheit. Unsere moralischen Vorstellungen sind nicht absolut kohärent, sondern sie sind willkürlich kohärent (S 337).

 

Einzelne Textstellen :

Das Gute, so darf man folgern, gibt es nicht. Jedenfalls nicht in Form einer übergeordneten kosmischen Ordnung; Die Idee des Guten ist keine besonders gute Idee. Man sollte das Gute eher ein „Ideal“ nennen, etwas, das es zwar nicht gibt, aber dem mal als eine Art inneren Leitstern folgt … Das Ideal des Guten ist also einerseits unerreichbar hoch und andererseits häufig widersprüchlich. Mag das Gute im abstrakten Sinne auch immer das Gute bleiben, was die richtige Entscheidung ist, dürfte sich von Situation zu Situation oft ändern. Insofern passen das Gute und das Richtige selten dauerhaft zusammen (S 45)

 

Was wir aus Platons Irrtum von der Idee des Guten lernen können, ist, dass es kein „Gutes“ gibt jenseits anderer Menschen. Kein Gutes also, das nicht von dieser Welt sein soll. Das Gute ist eine relative Sache. Aber das sehr Eigentümliche daran ist: eine relative Sache mit einem oftmals absolutem Anspruch. Und dieses Paradox ist unvermeidbar. Denn wenn es auch richtig ist, dass es jenseits des menschlichen Lebens und Zusammenlebens kein Gutes in der Welt gibt, so behandeln wir das Gute notwendigerweise doch häufig so, als ob es absolut und objektiv wäre (S 50)

 

Ein Tag genügt, um festzustellen, dass ein Mensch böse ist; man braucht ein Leben, um festzustellen, dass er gut ist (Théodore Jouffroy)

 

Das Wort vom „Krieg aller gegen alle“ und mehr noch der Satz „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ machten Hobbes zum viel zitierten Stichwortgeber dafür, dass der Mensch von Natur aus schlecht sei. … Nun, zunächst einmal muss man feststellen, dass der Spruch „Homo homini lupus“ gar nicht von Hobbes stammt, sondern von dem römischen Komödiendichter Plautus. Hobbes zitiert den Satz in der Widmung von De Cive, um zu erklären, warum die Staaten sich untereinander bekämpfen. … Für Hobbes ist der Mensch ‚von Natur aus‘ gar nichts, also weder gut noch schlecht, … ein unbeschriebenes Blatt. Erst die Erziehung, die Lebensumstände und Einflüsse treiben ihn in die eine oder andere Richtung (S 55f)

 

Auch die Aufklärung des späten 18.Jh. kannte die Trennung von der rohen Tiernatur des Menschen und der dünnen Tünche der Zivilisation. Selbst der freundliche und optimistische deutsche Aufklärer Johann Gottfried Herder hielt die Moralität des Menschen wesentlich für eine Erziehungsfrage. Die Bildung zur „Menschlichkeit sei ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muss, oder wir sinken … zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück“ (S 60)

 

In Extremsituationen reagieren viele – wenn auch nicht alle – Menschen extrem. Sie können brutal sein, rücksichtslos oder panisch. Und diese Reaktionen haben durchaus etwas mit unserem instinktiven biologischen Erbe zu tun. Doch warum soll dieses Krisenfall-Verhalten „eigentlicher“ sein als all unsere anderen Verhaltensweisen? Was sollte uns nach heutigem Stand des Wissens in der Annahme bestärken, dass unser „böses“ Verhalten aus dem Tierreich, das „gute“ hingegen aus der menschlichen Kultur stammt? Ist unser tierisches Erbe tatsächlich nur „bestialisch“? Und ist unser „menschliches“ Verhalten tatsächlich immer edel, hilfreich und gut für alle? (S 63)

 

De Waals Theorie der Moral hat ein freundliches Antlitz: Der Keim zum Guten im Menschen ist eine alte Geschichte aus dem Tierreich, entstanden aus der Geselligkeit. Konfliktlösung stand am Anfang, Mitgefühl und Fairness kamen später dazu. Vom sozialen zum moralischen Tier war es ein kleiner Schritt, oder besser: eine Abfolge von kleinen Schritten (S 106) … Hat De Waal Recht, so steht am Anfang der Entwicklung zur Moral die Intuition. Was fühlt sich sozial „richtig“ an und was „falsch“? Je intelligenter die Affen sind, umso komplizierter werden dabei die Spielregeln des Zusammenlebens. Und umso schwieriger die Spielregeln des Zusammenlebens sind, umso mehr fordert sie die Intelligenz heraus. Aus moralischen Intuitionen werden unausgesprochene moralische Regeln (S 107)

 

Haidts Erkenntnisse knüpfen an Hume ebenso an wie an De Waal. Unsere Moral sei keine alleinige Errungenschaft der Zivilisation, sondern ein Ensemble von unterschiedlich alten und sehr nützlichen instinktiven Handlungen und Haltungen. Vernunft allein gebiert dagegen keine Moral. Denn ohne soziale Gefühle wir Liebe, Zuneigung, Respekt, Mitleid, Furcht, Unbehagen, Ablehnung, Ekel, Scham und so weiter weiß auch unsere Vernunft nicht, was Gut und Böse ist (S 117)

 

Die Moral des Menschen wurzelt in sozialen Intuitionen aus der Zeit unserer Vorfahren. Aus diesem Grund entscheiden wir zumeist schnell und unbewusst, was wir für richtig halten und für falsch. Unsere Gefühle nehmen dabei einen großen Einfluss. Uns überkommt ein Mitgefühl, wir ärgern uns über Unfairness, und wir haben Reflexe der Scham und Respekt vor Tabus. So wichtig diese Gefühle sind, so wenig sind wir ihnen hilflos ausgeliefert. Unsere Vernunft versetzt uns in die Lage, unsere sozialen Gefühle zu bewerten, selbst wenn wir davon nicht immer Gebrauch machen. Der Mensch ist das einzige Tier, das seine Absichten (zumindest potentiell) vor sich selbst rechtfertigen muss. Dabei entsprechen unsere moralischen Ansichten nicht zwangsläufig unseren Interessen (S 124)

 

Die Fähigkeit des Menschen zur Moral ist angeboren. Schritt für Schritt spulen wir ein „Programm“ ab, das von der Nachahmung über das Mitgefühl bis zu einem Sinn für Gerechtigkeit reicht. Dabei sind wir in der gesamten Spanne starken erzieherischen Einflüssen ausgesetzt. Intensive Bindungen, das Gefühl der Geborgenheit und das Wissen, verstanden zu werden, wirken positiv auf unsere Entwicklung ein. Aus dem Zusammenspiel zwischen individuell verschiedenen natürlichen Anlagen und Einflüssen der Erziehung kommt es zu unterschiedlichen Ausprägungen von Charakteren. Die Fähigkeit zum Mitgefühl und das Empfinden von Gerechtigkeit sind jedem normalen gesunden Menschen gegeben, ihre Reichweite und ihr Zuschnitt sind allerdings individuell verschieden (S 139)

 

Menschen leben so, dass sie von all ihrem Handeln etwas haben wollen. Ein anderes Leben ist grundsätzlich nicht möglich. Doch es macht uns noch nicht zum harten Egoisten. Unser „Habenwollen“ betrifft nicht nur Waren, Güter oder Vorteile im Konkurrenzkampf um Sexualpartner und Macht, sondern vor allem emotionale Qualitäten. Wichtige Werte unseres Habenwollens sind Zufriedenheit, Geborgenheit, Vertrauen, Zuneigung und Liebe (S 152).

 

Lebewesen, die bewusste Absichten haben und erkennen können, handeln nicht notgedrungen nach Kalkül. Menschen sind manchmal egoistisch und berechnend, aber sie sind auch oft unkalkuliert im Guten wie im Bösen. Es gibt einen zweckgebundenen und ebenso auch einen nicht-zweckgebundenen Altruismus. Guten Taten ohne Gegenleistung sind dabei nur selten eine Spekulation in die Zukunft oder gar eine moralische Verirrung. Sie erhalten ihren Lohn durch das gute Gefühl, gut zu sein (S 162)

 

Jeder Mensch hat eine moralische Identität aus Antrieben, kulturellem Wissen und verinnerlichten Verhaltenscodes. Diese Macht des moralischen Selbstbildes ist von Mensch zu Mensch verschieden, aber sie ist gemeinhin gewaltig. Ob edler Geist oder Verbrecher, vor dem Tribunal seiner Selbstachtung und seinem Selbstwertgefühl ist niemand dauerhaft gefeit (S 169).

 

Menschen aller Kulturen streben im Normalfall eher nach dem „Guten“ als nach dem „Bösen“. Unsere sozialen Instinkte sind sich dabei kulturübergreifend sehr ähnlich – nicht aber die Form, in der Moral in einer Gesellschaft normiert wird. Selbst die abstrakten Prinzipien der Fairness und der Gerechtigkeit müssen antrainiert werden und unterliegen starken kulturellen Einflüssen (S 195).

 

Immanuel Kant: Der Krieg ist darin schlimm, dass er mehr böse Leute macht, als deren wegnimmt.

Das gestörte Selbstwertgefühl ist eine schlimmere Bedrohung für die Menschheit als jede egoistische Absicht. Denn die Mutter aller Aggressionen ist nicht das Streben nach dem Bösen und auch nicht das rücksichtslose Durchsetzen von Interessen – es ist die Angst um unser Leib und Leben und die gefühlte Bedrohung unseres Selbstwertgefühls (S 206)

 

Nicht Aggressionsüberschuss oder das unbedingte Durchsetzen von Interessen verursachen die meisten Kriege, sondern irrationale und manipulierte Angstgefühle (S 207)

 

Als soziale Tiere, die Gruppen und Horden bilden, haben Menschen uralte soziale Reflexe des Schwarmverhaltens. Sie helfen uns bei der unbewussten Orientierung im Alltag. Darüberhinaus aber manipulieren sie auch unser Sozialverhalten bis hin zu unseren moralischen Entscheidungen. In vielem orientieren wir uns an Vorgaben und am Verhalten anderer. Die Reichweite unserer moralischen Abwägungen im Alltag wird dadurch häufig verengt. Die Macht der Gewohnheit, unhinterfragte Mehrheitsgrundsätze und das Handeln uns nahestehender Menschen beeinflussen unsere Moral oft mehr, als uns bewusst ist (S 232)

 

Mark Twain: Jedermanns privates Motto: Es ist besser, beliebt zu sein, als Recht zu haben.

 

Unser moralisches Verhalten wird immer auch von der Bezugsgruppe geprägt, in der wir uns – freiwillig oder unfreiwillig – bewegen. Mindestens ebenso wichtig wie unsere inneren Überzeugungen ist es, von unserer Bezugsgruppe akzeptiert zu werden. Wir antizipieren den Blick der anderen auf uns selbst und stimmen unsere Entscheidungen und unsere Handlungen damit ab. Moralisch betrachtet kann uns dieses Verhalten dabei helfen, uns im guten Sinn gruppenkonform zu verhalten. Ebenso leicht ist es aber auch möglich, dass wir uns durch Gruppenverhalten zu Handlungen hinreißen lassen, die unseren inneren Überzeugungen eigentlich widersprechen (S 253)

 

 

Papst Benedikt XVI am 24.9.2011 in Freiburg

 

 

An diesem Punkt dürfen wir nicht darüber schweigen, dass es das Böse gibt. Wir sehen es an so vielen Orten in dieser Welt; wir sehen es aber auch – und das erschreckt uns – in unserem eigenen Leben. Ja, in unserem eigenen Herzen gibt es die Neigung zum Bösen, den Egoismus, den Neid, die Aggression. Mit einer gewissen Selbstdisziplin lässt sich das vielleicht einigermaßen kontrollieren. Schwieriger wird es aber mit einem eher verborgenen Schlechtsein, das sich wie ein dumpfer Nebel auf uns legen kann, und das ist die Trägheit, die Schwerfälligkeit, das Gute zu wollen und zu tun.

 

 

 

Dynamik der Gewalt

R. Collins, Hamburger Edition 2011

 

Mein Ziel ist es, eine allgemeine Theorie der Gewalt als situationsbedingten Prozess herauszuarbeiten. Gewaltsituationen sind durch ein emotionales Feld aus Anspannung und Angst geprägt. Damit der Gewalt Erfolg beschieden ist, müssen diese Anspannung und Angst überwunden werden, etwa durch die Umwandlung emotionaler Anspannung in emotionale Energie (S 35)

 

Doch sollten wir uns bewusst machen, dass sich das Alltagsleben zumeist aus Situationen zusammensetzt, in denen nur wenig Gewalt vorkommt. Dies geht auch aus ethnographischen Beobachtungen, selbst in laut Statistik äusserst gewaltbereiten Vierteln, hervor. Eine Mordrate von zehn Toten auf 100 000 Personen (US Spitzenrate aus dem Jahr 1990) ist zwar recht hoch, bedeutet jedoch, dass 99 990 von 100 000 Personen im Laufe eines Jahres nicht ermordet werden; und 97 000 von ihnen erleben (wenn man wiederum die Höchstrate nimmt) gar keinen tätlichen Angriff (S 11)

 

Selbst Personen, die wir für äusserst gewaltbereit halten – eben weil sie bereits in mehr als einer Situation oder bei gewissen Gelegenheiten gewalttätig geworden sind-, greifen nur in bestimmten Situationen zu Gewalt. Sogar die hartgesottensten Ganoven sind zeitweise ausser Dienst. Die gefährlichsten, gewalttätigsten Personen sind die meiste Zeit über nicht gewalttätig. Selbst bei diesen Personen ist die Dynamik der Situation entscheidend für die Erklärung, welche Gewalt sie tatsächlich ausüben (S 12)

 

Lassen Sie es mich an dieser Stelle noch kryptisch ausdrücken: Gewalt ist gleichsam ein Wegenetz, das Konfrontationsspannung und –angst umgibt. … Diese emotionale Dynamik bestimmt darüber, was sie tun werden, wenn der Kampf wirklich ausbricht. Ob es dazu kommt, hängt von einer Reihe von Voraussetzungen oder Wendepunkten ab, welche die Anspannung und Angst in bestimmte Richtungen lenken, indem sie die Emotionen als interaktiven Prozess reorganisieren, in den alle eingebunden sind: die Antagonisten und selbst die angeblich unbeteiligten Zuschauer (S 19)

 

Verallgemeinernd können wir sagen, dass alle Gewaltformen zu einigen wenigen Mustern passen, mit denen sich die Barriere aus Anspannung und Angst überwinden lässt, die automatisch aufkommt, wenn Menschen in eine feindliche Konfrontation geraten (S 20)

 

Nach Durchsicht einer grossen Menge Materials gelange ich dennoch zu dem Schluss, dass die Hauptformen häuslicher Gewalt den Situationen militärischer und polizeilicher Gewalt gleichen, die in die Rubrik „Angriff auf den Schwachen“ fallen (S 20). … All diese Formen des Angriffs auf den Schwachen offenbaren ein gemeinsames Merkmal erfolgreicher Gewalt: dass die Auswahl eines emotional schwachen Tatziels wichtiger ist als die eines physisch schwachen (S 56).

 

Manche Hintergrundfaktoren mögen notwendige Bedingungen sein oder zumindest in hohem Masse zu Gewalt prädisponieren, sie sind jedoch gewiss nicht hinreichend. Situationsbezogene Umstânde sind hingegen immer notwendige Bedingungen und bisweilen sogar hinreichend dafür, dass die Gewaltoption sich gegenüber jeder anderen Alternative durchsetzt. … Mein grundsätzlicher Einwand besteht darin, dass solche Erklärungen davon ausgehen, Gewalt falle leicht, sobald die Motivation dafür erst einmal gegeben ist. Auf der Ebene von Mikrosituationen erhobenes Beweismaterial zeigt jedoch, dass Gewalt im Gegenteil schwerfällt (S 36)

 

Die Formel für Verbrechen ist die räumliche Koinzidenz eines motivierten Missetäters, eines verfügbaren Opfers und fehlenden Schutzes für das Tatziel, der das Verbrechen durch soziale Kontrolle verhindern könnte (S 38)

 

Wir sind vielmehr evolutionär auf ein Übermass an emotionaler Einstimmung hin verdrahtet und daher für die Dynamik interaktiver Situationen besonders empfänglich. Die Entstehung des menschlichen Egoismus ist somit alles andere als primär; er bildet sich nur unter besonderen Umständen aus und zumeist relativ spät in der Persönlichkeitsentwicklung. … Menschen sind auf interaktives Mitgehen und auf Solidarität gepolt – und ebendeshalb fällt Gewalt so schwer. Mit Konfrontationsanspannung und –angst ist nicht einfach eine egoistische individuelle Angst vor körperlicher Beschädigung gemeint; es handelt sich vielmehr um eine Anspannung, die unserer Neigung, uns auf die Emotionen anderer einzustellen, wenn unsere Aufmerksamkeit sich auf dasselbe richtet, direkt zuwiderläuft (S 46) … Wenn aber das Hindernis ein anderes menschliches Wesen ist, dann trifft die programmierte Fähigkeit zu Wut und Aggression womöglich auf eine stärkere Form von Verdrahtung: die Neigung, Aufmerksamkeit und den emotionalen Rhythmus mit anderen Menschen zu teilen (S 47).

 

Kämpfer sind bei der Ausübung von Gewalt meist furchtsam und inkompetent Wenn sie ebenbürtig sind, verhalten sie sich in der Regel besonders inkompetent. Gewalt ist meistens dann erfolgreich, wenn der Starke den Schwachen angreift (S 64).

 

Die Interpretation läuft darauf hinaus, dass die Kämpfenden in einen Zustand der Angst oder zumindest hoher Anspannung geraten, sobald die Konfrontation das Stadium der Gewalt erreicht. Ich bezeichne dies als Konfrontationsanspannung und –angst. Es handelt sich um ein kollektives Interaktionsgefühl, das kennzeichnend für alle gewaltsamen Begegnungen ist und das Verhalten aller Beteiligten auf verschiedene, typische Weisen bestimmt (S 67)

 

Eine Vorwärtspanik beginnt mit Anspannung und Angst in einer Konfliktsituation. Dies ist gewöhnlich die Voraussetzung eines jeden gewalttätigen Konflikts, aber hier wird die Anspannung drastisch verlängert und gesteigert und strebt einem dramatischen Höhepunkt zu. … Eine relativ passive Situation – Abwarten, Zurückhaltung, bis man in der Lage ist, den Konflikt zu entscheiden – schlägt in bedingungslose Aktivität um. Wenn die Gelegenheit endlich eintritt, machen sich Anspannung und Angst auf einen Schlag Luft (S 133)

 

Konfrontationsanspannung und Entladung: Aufladung, Raserei, Overkill (S 139)