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Beschleunigung – Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne

Hartmut Rosa, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 2005

 

Die Art und Weise unseres In-der-Welt-Seins, so möchte ich in der nun folgenden Untersuchung zeigen, hängt in hohem Masse von den Zeitstrukturen der Gesellschaft ab, in der wir leben. Die Frage danach, wie wir leben möchten, ist gleichbedeutend mit der Frage, wie wir unsere Zeit verbringen wollen … Die Temporalstrukturen der Moderne, so wird sich ergeben, stehen vor allem im Zeichen der Beschleunigung. Die Beschleunigung von Prozessen und Ereignissen ist ein Grundprinzip der modernen Gesellschaft (S 15)

Neue, den veränderten Zeitstrukturen angepasste Identitätsmuster und soziopolitische Arrangements sind dabei durchaus denkbar – sie erfordern aber, so die These der Untersuchung, die Preisgabe der tiefsten ethischen und politischen Überzeugungen der Moderne, die Preisgabe des (dann gescheiterten) ‚Projekts der Moderne‘ (S 16)

Als leitende Hypothese dient dabei die Vermutung, dass Modernisierung nicht nur ein vielschichtiger Prozess in der Zeit ist, sondern zuerst und vor allem auch eine strukturell und kulturell höchst bedeutsame Transformation der Temporalstrukturen und –horizonte selbst bezeichnet und dass die Veränderungsrichtung dabei am angemessensten mit dem Begriff der sozialen Beschleunigung zu erfassen ist (S 24).

Einfache, undifferenzierte Gesellschaften verfügen demnach tendenziell über ein ‚occsionales‘ Zeitbewusstsein, dessen Zeiterfahrung überwiegend nur zwischen Jetzt und Nicht-jetzt differenziert. In segmentär und frühen ständisch differenzierten Gesellschaften dominiert nach dieser Konzeption dann ein zyklisches Zeitbewusstsein, in dem Zeit als Kreislauf immer wiederkehrender Prozesse und Zustände erfahren wird. Demgegenüber setzt sich in der stärker ausdifferenzierten Gesellschaft der Neuzeit allmählich ein lineares Zeitbewusstsein durch, das den Zeit-Kreis durch eine irreversible Linie aus der Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft ersetzt. Hier erst wird die an der Differenz zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft orientierte Zeiterfahrung dominant, insbesondere dort, wo diese Zukunft im Sinne eines Geschichtstelos als feststehend bzw. geschlossen erscheint (etwa im Christentum oder Marxismus). In der funktional differenzierten Gesellschaft der Hochmoderne schließlich herrscht ein lineares Zeitbewusstsein mit offener Zukunft vor. Die historische Entwicklung wird nicht mehr als auf ein bestimmtes Ziel zulaufend verstanden, ihr Ausgang bleibt offen (S 27).

Alltagszeit – biografische Zeit – historische Zeit (S 35)

Seit etwa 1750, also lange vor dem Einsetzen der industriellen und noch vor der französischen Revolution, erscheinen – oft im Zustand der Fassungslosigkeit vorgetragene – Berichte über die Wahrnehmung einer ungeheuren Beschleunigung der Zeit und Geschichte. Dieses Gefühl verstärkt sich durch die Einführung der Eisenbahn noch einmal in besonderer Weise und wird dann im Zuge der industriellen Revolution gleichsam alltagspraktisch ‚erfahrungsgesättigt‘ S 39).

Die beschleunigte Umwandlung von Verhältnissen, Institutionen und Beziehungen, d.h. die Beschleunigung des sozialen Wandels, stellt die Individuen dabei vor das Problem, ihr Leben langfristig planen zu müssen, um ihm eine gewisse zeitresistente Stabilität zu verleihen, ohne dies angesichts der wachsenden Kontingenz der sozialen Verhältnisse jedoch rational tun zu können (S 43)

Eine diesem Muster entsprechende Zeitdiagnose wird derzeit von vielen Sozialwissenschaftlern vertreten, wenn sie argumentieren, die systemischen Prozesse der modernen Gesellschaft seien zu schnell geworden für die in ihnen lebenden Individuen. Der umgekehrte Vorwurf – die Akteure seien zu träge, bequem, unflexibel, mit anderen Worten: zu langsam für die „Forderungen der Zeit“ – wird nicht selten von Arbeitgebern, Ökonomen und Politikern erhoben, wenn sie systemische Mangelerscheinungen oder Fehlallokationen (z.B. Arbeitslosigkeit) erklären sollen (S 45)

So lautet eine in den Sozialwissenschaften und bis in die Feuilletons und Alltagspolitik hinein verbreitete Zeitdiagnose etwa, die Wirtschaft, die Wissenschaft, die Technik und die durch sie ausgelösten Entwicklungen seine zu schnell geworden für eine politische Steuerung und rechtliche Regulierung der gesellschaftlichen Veränderungen. Wirtschaft, Wissenschaft und Technik auf der einen und Recht und Politik auf der anderen Seite seien ‚aus dem Tritt‘ geraten, also desynchronisiert (S 46).

Dieser Beschleunigungsprozess bringt unzweifelhaft eine Reihe struktureller und kultureller Folgewirkungen mit sich, welche zu spürbaren Unterschieden gegenüber der Gesellschaftsformation der ‚klassischen Moderne‘ führen. Er erweist sich auf den ersten Blick natürlich als Prozess einer beispiellosen globalen Synchronisierung. Die sinnbildliche Verdichtung des ‚Globalisierungszeitalters‘ ist das ortlose, ‚u-topische‘ Internet, in dem alle Ereignisse weltweit gleichzeitig stattfinden. … Die in Sekundenbruchteilen weltumspannend operierenden Informations- und Finanzmärkte erlauben nach Auffassung der überwiegenden Mehrzahl aktueller Beobachter kaum mehr eine Resynchronisation und lassen sich vor allem politisch und teilweise selbst rechtlich nicht mehr steuern. Individuen und Nationalstaaten sind zu langsam geworden für das Transaktionstempo der globalisierten Moderne; Bildung, Politik und Recht können mit den ‚Entwicklungen der Zeit‘ nicht mehr Schritt halten (S 48).  

In der Tat scheint ein gemeinsamer Kern dessen, was die Apologeten der Postmoderne feiern und ihre Gegner bekämpfen, in der Akzeptanz der identifizierten Desynchronisationsprozesse zu bestehen. Die Preisgabe einer politischen Steuerung wirtschaftlicher, technischer oder gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse (das Ende der Politik), ja selbst noch des Versuchs, diese Entwicklungen überhaupt zu verstehen(das Ende der Wissenschaft/der Vernunft), der Verzicht auf den Anspruch einer sinnhaften, narrativen Integration von biografischer und kollektiver Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (das Ende der Narrationen) und damit einer Integration von Alltagszeit, biografischer Zeit und historischer Zeit in einem Entwurf personaler Identität (das Ende des Subjekts/des Identitätsterrors), die Akzeptanz des desynchronisierten und desintegrierten Entwicklung Prozessierens sozialer Teilsysteme (das Ende der Gesellschaft) und schließlich die Hinnahme der desynchronisierten und desintegrierten Entwicklung unterschiedlicher sozialer Gruppen bezeichnen den Kerngehalt der postmodernen philosophischen Ideologie und der postmodernen soziologischen Zeitdiagnose gleichermaßen (S 48)

Eine wachsende Zahl von zwangsentschleunigten ‚Modernisierungsopfern‘ widerlegt nicht die These, dass Beschleunigung ein definierendes Merkmal von Modernisierung ist (S 59)

Meine Hypothese ist dabei die Vermutung, dass die in der Moderne konstitutiv angelegte soziale Beschleunigung in der „Spätmoderne“ einen kritischen Punkt übersteigt, jenseits dessen sich der Anspruch auf gesellschaftliche Synchronisation und soziale Integration nicht mehr aufrechterhalten lässt (S 49).

Drei Teilbereiche der sozialen Beschleunigung : 1. Die technische Beschleunigung, 2. Die Beschleunigung des sozialen Wandels und 3. Die Beschleunigung des Lebenstempos (S 54)

So lautet meine Hypothese: Es gibt kein der Beschleunigung analoges, eigenständiges räumliches Veränderungsmoment in der Moderne; der Wandel der raum-zeitlichen Strukturen wird primär durch ihre temporale Veränderungsdynamik angetrieben (S 62).

Aus der Geschichte dieses Kulturkampfes um Beschleunigungstechnologien lassen sich nun drei systematische Schlussfolgerungen ziehen: 1. Der technologische Beschleunigungsprozess verläuft nicht gleichmäßig linear, sondern schubweise, wobei er stets auch auf Hindernisse, Widerstände und Gegenbewegungen trifft, die ihn verlangsamen, unterbrechen und vorübergehend sogar umkehren können 2. Auf einen technischen Beschleunigungsschub folgt nahezu unausweichlich ein Be- und Entschleunigungsdiskurs, in dem der Ruf nach Entschleunigung und die nostalgische Sehnsucht nach der verlorenen, ‚langsamen Welt‘, deren Langsamkeit erst im Rückblick zu einer distinkten Qualität wird, in aller Regel die Begeisterung über die Tempogewinne überwiegen; 3. Entgegen dieser hochkulturellen Diskurshegemonie der Entschleuniger endete bisher noch jeder einzelne dieser ‚Kulturkämpfe‘ mit dem Sieg der Beschleuniger, d.h. mit der Einführung und Durchsetzung der neuen Technologie (S 81)

Zeit ist als Ressource innerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses ein Produktionsfaktor und daher ein knappes Gut: Weil Zeitgewinne sich ganz unmittelbar in überlebensnotwendige (Extra-)Profite umsetzen lassen, wird Zeit im Wirtschaftssystem der Moderne in vielfacher Weise zu Geld und Beschleunigung (der Entwicklungs-, Produktions- und Zirkulationsprozesse), daher zu einem überragenden Wettbewerbsfaktor (S 91)

Der kategorische Imperativ der protestantischen Ethik wie des kapitalistischen Ethos besteht in der Verpflichtung, die Zeit so intensiv wie möglich zu nutzen, Zeitverschwendung und Müßiggang systematisch auszuschalten und sich über die verbrachte Zeit genaue Rechenschaft zu geben. Jene die Grunderfahrung der Moderne prägende Rast-und Ruhelosigkeit und die Beschleunigung des Lebenstempos durch systematische Eliminierung von Pausen und Fehlzeiten sowie die kategorische Ökonomisierung der Zeit in der Lebensführung sind daher nach Weber die Konsequenz einer ursprünglich (calvinistisch-puritanisch-)protestantischen und später säkulariserten Geisteshaltung, nach der eine einmal verloren Sekunde für immer verloren ist…. Zeitdisziplin erscheint aus dieser Perspektive weit eher als eine kulturelle Voraussetzung denn eine strukturelle Folge des Kapitalismus (S 93).

Rationalisierung in diesem Sinn bedeutet, mehr in kürzerer Zeit (und mit geringerem Einsatz) erreichen zu können. Mengensteigerung pro Zeiteinheit aber, so werde ich noch zeigen, ist die abstrakteste, generalisierte Definition von Beschleunigung. Es ist diese Effizienz- und Geschwindigkeitssteigerung, welche nach Weber die rationalen abendländischen Organisations- und Herrschaftsformen der Bürokratie, des Rechtsstaates und der kapitalistischen Wirtschaftsorganisation auszeichnet und ihre geschichtliche Überlegenheit gegenüber allen anderen Gesellschaftsformationen begründet (S 94)

So zeigt sich, dass der Modernisierungsprozess 1. kulturell als Rationalisierung 2. gesellschaftsstrukturell als Differenzierung, 3. Im Hinblick auf die Entwicklung des dominanten subjektiven Selbstverhältnisses oder Persönlichkeitstyps als Individualisierung und 4. Hinsichtlich des Naturverhältnisses als Instrumentalisierung oder Domestizierung interpretiert werden kann und worden ist (S 105).

Die Erhöhung des ‚Tempos des Lebens‘, die Zeitknappheit der Moderne, entsteht nicht weil, sondern obwohl auf nahezu allen Gebieten des sozialen Lebens enorme Zeitgewinne durch Beschleunigung verzeichnet werden. Aus dieser Einsicht ergibt sich die Erkenntnis, dass die Beschleunigung des Lebenstempos bzw. die Verknappung der Zeit als Folge einer von den Prozessen technischer Beschleunigung logisch unabhängigen Mengensteigerung sein muss: Wir produzieren, kommunizieren und transportieren gegenüber der je vorangehenden Gesellschaftsepoche nicht nur schneller, sondern auch mehr (S 117) … Je stärker die Beschleunigungsraten hinter den Wachstumsraten zurückbleiben, desto grösser wird die Zeitnot; je mehr die Ersteren die Letzteren dagegen übersteigen, umso mehr Zeitressourcen werden freigesetzt, d.h. umso weniger wird die Zeit knapp. Sind die beiden Steigerungsraten identisch, so ändert sich das Tempo des Lebens, bzw. die Knappheit oder Überfluss an Zeit nicht (S 119).

 

 

Drei Dimensionen sozialer Beschleunigung : Technische Beschleunigung – Beschleunigung des sozialen Wandels – Beschleunigung des Lebenstempos

Technische Beschleunigung. Die Steigerung der Transportgeschwindigkeit liegt an der Wurzel der für die Moderne pervasiven Erfahrung der „Raumschrumpfung“. Die Raumerfahrung ist in erheblichem Masse eine Funktion der Zeitdauer, deren es zu seiner Durchquerung bedarf. … Infolgedessen scheint die Welt seit der industriellen Revolution auf ca. ein Sechzigstel ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft zu sein. Beschleunigungsinnovationen im Transportwesen sind daher hauptverantwortlich für das, was als „die Vernichtung des Raumes durch die Zeit“ bezeichnet werden kann (S 125)

Beschleunigung des sozialen Wandels. Beschleunigung des sozialen Wandels lässt sich damit definieren als Steigerung der Verfallsraten von handlungsorientierenden Erfahrungen und Erwartungen und als Verkürzung der für die jeweiligen FUnktions-, Wert- und Handlungssphären als Gegenwart zu bestimmenden Zeiträume. … Wo das der Fall ist, kann mit Recht von einer Beschleunigung der Gesellschaft selbst gesprochen werden, während die in der ersten Beschleunigungskategorie erfassten Phänomene technischer Geschwindigkeitssteigerung eher als Beschleunigung in der Gesellschaft zu verstehen sind (S 133). ‚Gegenwartsschrumpfung‘ oder soziale Beschleunigung bedeutet aus dieser Sicht, dass Vergangenheit und Zukunft in den unterschiedlichen Sozialbereichen in immer kürzeren Abständen umgeschrieben werden müssen. Dabei ist es für Luhmann weniger der tatsächliche soziale Wandel, der in der modernen Gesellschaft zum Problem wird, als vielmehr die durch fortwährende Revision von Erwartungen und rekonstruierten Erfahrungen erzeugte wachsende Instabilität der Zeithorizonte und Selektionsgrundlagen (S 134).

Beschleunigung des Lebenstempos. Steigerung der Handlungs- und/oder Erlebnisepisoden pro Zeiteinheit. Objektiv beinhaltet die Beschleunigung der Lebenstempos eine Verkürzung oder Verdichtung von Handlungsepisoden. Gemeint sind damit beispielsweise die Verkürzung der Essens- oder Schlafensdauer oder der durchschnittlichen Kommunikationszeit in der Familie, aber auch Versuche, die Gesamtdauer eines Kinobesuchs, eines festlichen Essens, einer Beerdigung – d.h. den Zeitraum zwischen der Beendigung der vorangehenden und dem Beginn der nachfolgenden Aktivität – zu verringern. Dies lässt sich zum einen durch eine unmittelbare Erhöhung der Handlungsgeschwindigkeit (schneller kauen oder beten) erreichen, zum anderen aber auch durch eine Verringerung von Pausen und Leerzeiten zwischen den Aktivitäten, was auch als ‚Verdichtung‘ von Handlungsepisoden bezeichnet wird (S 135).

Verlangsamung und Hemmung treten in der modernen Gesellschaft in zunehmend gravierendem Masse und immer häufiger als unbeabsichtigte Nebenfolge von Akzelerationsprozessen auf. Hierzu zählen dysfunktionale Entschleunigungsphänomene (z.B. Verkehrsstau) und pathologische Formen der Verlangsamung (z.B. Depressionserkrankungen: in Phasen der Depression scheint für den Erkrankten häufig die Zeit stillzustehen oder sich in eine zähe Masse zu verwandeln). In dieser Kategorie lässt sich aber beispielsweise auch der Ausschluss von Arbeitnehmern aus dem Erwerbsleben fassen, … , dass sie mit dem geforderten hohen ARbeits- und Innovationstempo in der Wirtschaft nicht mehr Schritthalten konnten, was dann zu unerwünschter extremer Entschleunigung in Form von Arbeitslosigkeit führt (S 144).

Von den Phänomenen nichtintendierter und dysfunktionaler Entschleunigung zu unterscheiden sind intentionale Bemühungen und oft ideologisch begründete Bewegungen zur bewussten Entschleunigung und sozialen Verlangsamung. Sie lassen sich wiederum unterteilen in genuine (ideologische)Entschleunigungsbewegungen, die oftmals als Fundamentalopposition mit dezidiert antimodernen Zügen auftreten, und Verlangsamungsbestrebungen, die zum Ziel haben, die (individuelle und soziale) Funktions- und Akzelerationsfähigkeit aufrechtzuerhalten oder noch zu befördern, also letztlich selbst Strategien der Beschleunigung darstellen (S 146)

Entschleunigung als Ideologie. Die geradezu Moderne-konstitutive Sehnsucht nach der verlorenen, geruhsamen, stabilen und gemächlichen Welt wird getragen von Phantasiebildern der Vormoderne, die sich in sozialen Protestbewegungen mit Vorstellungen einer entschleunigten Nach- oder Gegenmoderne verbinden. … Entschleunigung werde derzeit „zur aggressiven Ideologie einer gerade in der Entstehung befindlichen, rapide wachsenden Klasse (oder sozialen Schicht) von Modernisierungsopfern (P.Glotz)“ und sei dabei im Begriff, sozialistische Konzeptionen als Leitbild abzulösen. Ziel dieser Ideologie ist es, den Akzelerationsprozess der Moderne zum Stillstand zu bringen. … Die Verlangsamungsbewegung verspricht „neuen Wohlstand durch Entschleunigung“ und organisiert sich in teils intellektuellen, teils bürgernahen Assoziationen wie dem „Verein zur Verzögerung der Zeit“ oder den „Glücklichen Arbeitslosen“, die sich als „Müßiggingst“ feiern. Während die in diesem Umfeld verbreiteten Vorstellungen und Phantasien radikaler Verlangsamung starken Zulauf auf der Ebene der Ideen haben, erreichen sie nur selten strukturrelevante Ebenen des Handelns. Dies liegt zum einen daran, dass der Preis individueller Verlangsamung in post-industriellen Gesellschaften sehr hoch ist – wer sich als Aussteiger dem Tempodruck entzieht (indem er sich etwa einer Sekte anschließt, einen Öko-Bauernhof übernimmt oder in eine zeitvergessene Drogenkultur eintaucht), riskiert, alle Anschlüsse zu verpassen und keine Wiedereintrittschance zu erhalten. Wenn er nach einigen Jahren zur Rückkehr in die Mainstream-Gesellschaft bereit ist, sind seine Ressourcen hoffnungslos veraltet. Abzuwarten bleibt, ob sich Bewegungen wie die ‚Slow-Food‘ und ‚Voluntary Simplicity‘ Movements bis zu einem Grad verbreiten können, der tatsächlich gesamtgesellschaftliche Relevanz erreicht. Zum anderen sind natürlich viele, wenn nicht sogar die meisten Entschleunigungswünsche letztlich nicht gegen die moderne Gesellschaft an sich, sondern nur gegen einzelne ihrer Folgewirkungen gerichtet – die Eile am Arbeitsplatz, das Tempo des Verkehrs im eigenen Wohngebiet-, doch werden sie eben dadurch oftmals inkongruent. … Dies widerspricht indessen nicht unbedingt dem Bemühen, im Sinne der beschriebenen Entschleunigungsinseln gleichsam Schutzräume für andere, d.h. langsamere Zeiterfahrungen zu etablieren. Zu dieser Form intentionaler Entschleunigung sind etwa Inszenierungen der gleichsam ‚ästhetisch-künstlichen‘ Verlangsamung in der Kunst zu zählen …. (S 146ff)

Entschleunigung als Akzelerationsstrategie. Auf der Ebene der Individuen lassen sich etwa Einkehr-Aufenthalte in Klöstern oder Meditationskurse, Yogatechniken etc. zu dieser Kategorie rechnen, sofern sie letztlich den Zweck dienen sollen, das schnelle Berufs-, Beziehungs- und Alltagsleben danach umso erfolgreicher, d.h. schneller, zu bewältigen. Sie stellen damit künstliche Entschleunigungsoasen zum ‚Auftanken‘ und ‚Durchstarten‘ dar (S 149). 

Beschleunigung durch institutionelle Stillstellung und Bestandsgarantie von Rahmenbedingungen ein Grund- und Erfolgsprinzip der modernen Akzelerationsgeschichte ist. Beschleunigung wurde in zentralen Bereichen just dadurch möglich, dass maßgebende Institutionen der Gesellschaft – etwa das Recht, die politische Steuerungsmechanismen, das stabile Arbeits(zeit)regime … vom Wandel selbst ausgenommen waren und daher Erwartungssicherheiten, Planungsstabilitäten und Berechenbarkeiten schufen, die als Grundlage der wirtschaftlichen, technischen und wissenschaftlichen Beschleunigung, vielleicht auch einer beschleunigten individuellen Lebensführung betrachtet werden müssen. Erst vor dem Hintergrund solcher stabiler Erwartungenshorizonte wurde es rational, langfristige Planungen und Investitionen zu tätigen, die für zahlreiche Modernisierungsprozesse unverzichtbar waren. Die Erosion jener Institutionen und Orientierungen infolge weiterer, gleichsam entgrenzter Akzeleration, könnte daher deren eigenen Voraussetzungen sowie die Stabilität der spätmodernen Gesellschaft insgesamt untergraben und damit das (Beschleunigungs-)Projekt der Moderne stärker gefährden als jede antimoderne Entschleunigungsbewegung (S 150f)

Die mechanische Uhr dagegen erlaubt es, die Zeit vom Ort zu trennen; mit ihr wird es im Prinzip möglich, Zeit nicht nur unabhängig von einem konkreten Aufenthaltsort zu bestimmen. Im Jahre 1912 wurde dann auf einer internationalen Zeitkonferenz in Paris die bereits 1884 konzipierte, einheitliche und global gültige Weltzeit eingeführt, welche, analog zur ortlosen Raumbestimmung durch den Globus, eine gleichsame ortlose Zeitbestimmung ermöglichte (S 163).

Denn alle Räume sind nur durch die Zeit, deren wir bedürfen, um sie zu durchlaufen, Entfernungen für uns; beschleunigen wir diese, so verkürzt sich für den Einfluss auf das Leben und den Verkehr der Raum selbst … Eisenbahnen reduzierten Europa ungefähr auf den Flächenraum Deutschlands. Dieser Prozess der Raumschrumpfung oder der ‚Zeit-Raum-Kompression‘ wird dann im 20.Jh. weiter vorangetrieben durch die Erfindung des Automobils und des Flugzeugs und schließlich des Raumschiffs … Wer schließlich gar fliegt, löst sich völlig vom topografischen Raum des Lebens und der Erdoberfläche; für ihn stellt sich Raum nur noch als abstrakte, leere Distanz, gemessen an der Zeitdauer des Fluges, dar. Der moderne Reisende kämpft mit der Uhr, weil er Anschlüsse erreichen und Termine einhalten muss, nicht mehr mit den Widrigkeiten des Raumes – auch hierin spiegelt sich die Umdrehung des Raumvorrangs in einen Vorrang der Zeit als Orientierungsdimension. … Der Raum verliert schließlich vollkommen sein Orientierungsfunktion, wo materiale Transportprozesse durch elektronische Informationsübermittlung ersetzt werden: Im Internet wird zwar noch die Zeit, aber nicht mehr der Ort des Einspeisens und Abfragens von Daten registriert – Letzterer ist für viele Vorgänge bedeutungslos geworden, während Zeitangaben für die Koordination und Synchronisation globaler Handlungsketten weiter an Relevanz gewinnen. Immer mehr soziale Ereignisse werden auf diese Weise im Zeitalter der Globalisierung gleichsam ‚ortlos‘ (S 164f)

Infolge der nahezu unbegrenzten Speicherkapazität der neuen Medien und der bereits diskutierten Zunahmen von Phänomenen der ‚Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen‘ beginnt die Zeit ihren unilinearen, orientierungsstiftenden Charakter zu verlieren, weil sich der Zusammenhang von Sequenzen und Chronologien progressiv aufzulösen scheint … Schließlich verliert das biologische Alter seine sequenzierende Ordnungsfunktion im Hinblick auf den Lebenslauf: Ausbildungsphasen können Perioden der Berufstätigkeit ablösen, Elternschaft ist in hohem Alter und im Ruhestand möglich, ein Singledasein kann auf eine Phase des Verheiratetseins folgen etc. (S 168)

Damit wird ersichtlich, dass nicht nur der Raum, sondern zumindest in einigen Kontexten auch die (chronologische) Zeit ihre orientierungsstiftende Funktion verliert, was die Ausbildung neuer Orientierungssensorien in spätmodernen Handlungszusammenhängen unabdingbar zu machen scheint (S 170).

Die technische Beschleunigung stellt deshalb gleichsam nur die materiale Basis und eine Ermöglichsbedingung für die Vielfalt an sozialen Beschleunigungsprozessen dar, welche jenen Veränderungen zugrunde liegen und heute vor allem unter dem Stichwort Globalisierung diskutiert werden; sie bildet damit zugleich die materiale Basis für die beiden anderen Formen sozialer Beschleunigung, die dann wiederum als Motivgeber den technologischen Beschleunigungsprozess vorantreiben (S 174).

„Es ist schlimm genug …, dass man jetzt nichts mehr für sein ganzes Leben lernen kann. Unsere Vorfahren hielten sich an den Unterricht, den sie in ihrer Jugend empfangen; wir müssen jetzt alle fünf Jahre umlernen, wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen wollen (aus Goethe: Wahlverwandtschaften) (S 176).

Angesichts der gegen Ende des 20.Jh einsetzenden Erosion jenes an den Nationalstaat gebundenen wirtschaftlichen, rechtlichen, politischen und sozialstaatlichen Institutionengefüges, das sich in der ‚klassischen Moderne‘ entwickelt und bis dahin als überraschend stabil erwiesen hatte, gewinnen in den aktuellen Zeitdiagnosen die Metaphern der ‚flows‘ und ‚fluids‘ eine neue Aktualität: Autoren wie Castells, Baumann, Urry oder Appadurai schreiben den sich fast widerstandslos und in hohem Tempo über den Globus verbreitenden Menschen-, Informations-, Finanz-und Warenströmen die Eigenschaft von Flüssigkeiten zu, die sich rasch überallhin ausbreiten können, aber bei den geringsten territorialen oder politischen Veränderungen in andere Richtungen bzw. durch andere Kanäle fließen oder sich wieder zurückziehen, die also, mit anderen Worten, keine stabilen und langfristigen Aggregatzustände erreichen bzw. keine festen Verbindungen miteinander eingehen … Solche ‚flows‘ treten dabei stets im Plural auf : Für das Verständnis der Gegenwartsgesellschaften entscheidend ist die Tatsache, dass Territorien, Ethnien, Finanz- und Ideenströme, aber auch Formen kultureller, religiöser und politischer Praxis der Tendenz nach voneinander unabhängig werden, sodass jene Ströme in verschiedene Richtungen fließen können, d.h. als nahezu beliebig (re)kombinierbar, intentionaler Steuerung aber weitgehend entzogen erscheinen (S 176f).

Ist das kommunikative soziale Gedächtnis in seiner zeitlichen Extension auf ca. 80-100 Jahre limitiert, was bedeutet, dass jenes für die Moderne charakteristische Phänomen des Auseinandertretens von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont und damit die Erfahrung einer ‚Gegenwartsschrumpfung‘ erst dann auftreten können, wenn sich signifikante Wandlungsprozesse innerhalb von drei bis vier Generationen vollziehen. Erreicht der soziale Wandel, d.h. die Transformation struktureller und kultureller Gewissheiten, dagegen ein höheres Tempo als die einfache Generationenfolge, so steht zu vermuten, dass sich daraus gravierende Folgen nicht nur für das Generationenverhältnis ergeben, sondern dass die Erosion lebensweltlicher Gewissheit eine neue Qualität erreicht. Jenseits eines noch höheren, wohl kaum eindeutig bestimmbaren Schwellenwertes wird Veränderung schließlich nicht mehr als Wandel fester Strukturen, sondern als fundamentale und potenziell chaotische Unbestimmtheit wahrgenommen (S 177f)

Die in dieser Arbeit vertretene These einer fortschreitenden Beschleunigung des sozialen Wandels im Verlauf des Modernisierungsprozesses lässt sich nun zugespitzt so formulieren, dass das Tempo dieses Wandels sich von einer intergenerationalen Veränderungsgeschwindigkeit in der Frühmoderne über eine Phase annähernder Synchronisation mit der Generationenfolge in der ‚klassischen Moderne‘ zu einem in der Spätmoderne tendenziell intragenerational gewordenen Tempo gesteigert hat (S 178).

Familie. In der Spätmoderne weisen Familienzyklen dann schließlich eine unübersehbare Tendenz auf, eine infragenerationale Lebensdauer anzunehmen, wofür steigende Scheidungs- und Wiederverheiratungsraten sowie Haushaltsneuordnungen oder –auflösungen der deutlichste Beleg sind. Der Lebensabschnittspartner ersetzt heute tendenziell den Lebenspartner … die lebenslange Monogamie wird dabei aber immer öfter durch eine neue Form der ‚seriellen Monogamie‘, das ‚Liebespaar auf Zeit‘, ersetzt (S 180).

 Beschäftigungsverhältnisse. Auch hier lässt sich in typisierender Zuspitzung argumentieren, dass Berufe in der Vor- und Frühmoderne tendenziell von den Vätern an die Söhne weitergegeben wurden, sodass Berufs- und Beschäftigungsstrukturen eine gleichsam übergenerationale Stabilität aufwiesen. Die freie, aber in der Regel einmalige Wahl eines eigenen, lebenslangen und identitätsstiftenden Berufes wurde dann zu einem konstitutiven Merkmal der klassischen Moderne, in der Berufsstrukturen eine ‚generationale‘ Stabilität zeigten. ‚Finde deinen Beruf!‘ wurde neben ‚gründe eine eigene Familie‘ zum zweiten identitätskonstituierenden Auftrag zunächst an die jungen Männer, dann zunehmend auch an die jungen Frauen in den sich modernisierenden Gesellschaften. In der Spätmoderne dagegen scheinen Berufe und Beschäftigungsverhältnisse immer seltener über ein Erwerbsleben hinweg Bestand zu haben: mehrfache Berufs- und/oder Beschäftigungswechsel innerhalb eines Erwerbslebens (oftmals begleitet von längeren oder kürzeren Phasen der Beschäftigungslosigkeit) scheint sich von der Ausnahme zur Regel zu entwickeln (S 182).

Definiert man Gegenwartsschrumpfung als die generelle Abnahme der Zeitdauer, für die Erwartungssicherheit hinsichtlich der Stabilität von Handlungsbedingungen herrscht, so wird unmittelbar ersichtlich, inwiefern jene Formen der beruflichen und familialen Instabilität als Symptome der Beschleunigung des sozialen Wandels gedeutet werden können. Die rasche Veränderung, die Revidierbarkeit und Re-Kombinierbarkeit und damit die zunehmende Kontingenz von Praktiken, Konstellationen und Strukturen betrifft indessen auch andere Sozialbereiche, und zwar sozialstrukturell wie alltagspraktisch zentrale ebenso wie periphere. In der hochbeschleunigten globalen Gesellschaft herrscht tendenziell die gleiche Unsicherheit über den zukünftigen Lebenspartner und Arbeitgeber wie über den Wohnort, die politische Ordnung und religiöse Ausrichtung als den zentralen Dimensionen moderner Mobilität und über die Stabilität der Handlungs- und Kontextbedingungen in peripheren Sozialdimensionen: Welche Telefon-, Versicherungs- und Energiegesellschaft, welche Freizeitvereinigungen, Geldanleger und Kranken- oder Rentenversicherer morgen noch existieren und günstige Bedingungen bieten werden, ist ebenso unsicher wie die Frage, welche Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehanstalten, Internetprovider, Suchmaschinen etc. mit akzeptablen Angeboten verfügbar sein (und welche Freunde und Bekannte noch in der gleichen Stadt wohnen) werden – ganz abgesehen von der Ungewissheit darüber, welche neue Handlungsfelder und Praxisformen entstanden sein werden … Natürlich ist die ‚Gegenwart‘, d.h. der Stabilitätszeitraum, in den verschiedenen Sozialbereichen unterschiedlich lang – sie währt im Hinblick auf den Lebens(abschnitts)partner in der Regel länger als in der Kleidermode. Die These einer generellen Beschleunigung des sozialen Wandels besagt jedoch, dass die Gegenwart entweder in allen Bereichen oder aber zumindest in ihrem aggregierten Wert über alle (gewichteten) Felder hinweg schrumpft (S 185f).

Das Generationenverhältnis wird so gleichsam zu einer Manifestation der ‚Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen‘ und damit des Problems sozialer Desynchronisation: Die Erfahrungen, Praktiken und Wissensbestände der Elterngeneration werden für die Jungen zunehmend anachronistisch und bedeutungslos, ja, insofern Wissen an partizipatorische Praxis gebunden ist, sogar unverständlich – und umgekehrt: Die Welt der Gameboys, des Internet und SMS-Nachrichten ist für viele Eltern, erst recht aber für viele Großeltern, so unverständlich und fremdartig wie die Sitten und Praktiken einer geografisch weit entfernten Kultur. … In einer sich beschleunigenden Welt sind daher die Fähigkeiten und Wissensbestände der Jungen und Alten nicht nur verschieden, sondern Erstere scheinen systematisch im Vorteil. De Haan schließt daraus auf das Ende der Erziehung der jüngeren Generation durch die ältere und fordert als ‚letzte pädagogische Maxime‘ ein Eigenrecht der Erwachsenen als vergangener Generation, also gleichsam einen Schutzraum für die Lebenswelt der Älteren im Sinne einer intentional konservierten ‚Entschleunigungsoase‘ … Die Alten sind vielmehr dadurch stigmatisiert, dass sie sich nicht mehr auskennen und dass sie nicht mehr mitkommen. Der im Alter drohende Verlust der Offenheit und Flexibilität ist in einer Gesellschaft mit hohen Veränderungsraten ein stigmatisierendes Handicap, wie sich etwa in Berufsbranchen zeigt, in denen schon vierzigjährige nicht mehr eingestellt werden, weil sie als nicht flexibel und risikofreudig genug erscheinen ( S 187f).

Ebenso wie die technische Beschleunigung in einer phänomenologischen Perspektive unsere Raum-, Zeit-, Ding- und Sozialverhältnisse verändert hat, hat auch die Beschleunigung des sozialen Wandels und die ‚Verflüssigung‘ sozialer und materialer Beziehungen gravierende Auswirkungen auf die (spät)moderne Art des ‚In-der-Welt-Seins‘: Ich habe das in der Moderne und in der Spätmoderne generalisierte und gesteigerte Daseinsgefühl andernorts mit dem Begriff des „Slippery-Slope“-Phänomens zu umschreiben versucht, womit ich zum Ausdruck bringen wollte, dass es durch die Wahrnehmung gekennzeichnet ist, gleichsam in allen Lebensbereichen auf einem ‚rutschigen Abhang‘ oder auf ‚Rolltreppen nach unten‘ zu stehen: Die Akteure operieren unter Bedingungen permanenten multidimensionalen Wandels, die Stillstehen durch Nicht-Handeln oder Nicht-Entscheiden unmöglich machen. Wer sich den stetig wechselnden Handlungsbedingungen nicht immer wieder von Neuem anpasst, verliert die Anschlussvoraussetzungen und –optionen für die Zukunft. Lebens- und handlungspraktisch bedeutet dies: Wer sich nicht ständig um Aktualisierung bemüht, wird anachronistisch in seiner Sprache, seiner Kleidung, seinen Adressbüchern, seinem Welt- und Sozialwissen, seinen Fähigkeiten, seiner Freizeitausrüstung, seiner Altersversicherung und Geldanlage etc. (S 189f).

Die Konsequenz der durch die Beschleunigung des sozialen Wandels ausgelösten Empfindung, gleichsam in allen Lebensbereichen auf ‚slipping slopes‘ oder ‚rutschenden Abhängen‘ zu stehen, ist offensichtlich; die kulturelle Logik entspricht hier exakt der physikalischen: Die Akteure fühlen sich unter Stress und Zeitdruck gesetzt, mit den Veränderungen Schritt zu halten und Handlungsoptionen und Anschlusschancen nicht durch das Veralten ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten zu verlieren. Die kulturelle Verarbeitung neuer Informationen, d.h. ihre Einbettung in systematisches Weltwissen und narrative Deutungsstrukturen, ist unvermeidlich zeitaufwändig (S 192).

Die Beschleunigung des Lebenstempos beinhaltet daher eine Zunahme der aggregierten Handlungsgeschwindigkeit ebenso wie die Veränderung der Zeiterfahrung des Alltagslebens (S 198).

Steigerung der Handlungsgeschwindigkeit. Zum ersten kann das Handeln selbst beschleunigt werden (schneller gehen, kauen, lesen), zum Zweiten können Pausen und Leerzeiten reduziert oder eliminiert werden, und zum Dritten können mehrere Handlungen simultan ausgeführt werden (Multitasking). Solche Strategien können als ‚Zeitvertiefung‘ bezeichnet werden. Viertens können langsame Aktivitäten durch schnellere ersetzt werden, also etwa das Kochen durch das Anrufen des Pizza-Dienstes (S 199)   

Die Zeitstrukturen der Spätmoderne scheinen in hohem Masse durch Fragmentierung gekennzeichnet zu sein, d.h. durch das Zerlegen von Handlungs- und Erlebnisfolgen in immer kleinere Sequenzen mit schrumpfenden Aufmerksamkeitsfenstern. Eriksen erblickt ebendarin ein herausragendes Charakteristikum der spätmodernen ‚Tyrannei des Augenblicks‘, die durch permanente Erreichbarkeit (und damit Anfälligkeit für eine Vielfalt externer Unterbrechungen), durch Flexibilisierung und De-Institutionalisierung von Praktiken sowie durch Informationsüberschuss und Güterüberfluss verursacht wurde (S 203).

Die Preisgabe kollektiver Rhythmen und Zeitstrukturen hat zur Folge, dass Tages-, Wochen- und Jahresabläufe nicht mehr selbstverständlich vorstrukturiert sind, sondern immer wieder von Neuem und in Abstimmung mit den Kooperationspartnern geplant und ausgehandelt werden müssen. … Die durch derlei zeitaufwändige Entscheidungs- und Planungsprozesse verursachte Mehrbelastung verdeutlicht ein zentrales Argument, dass nämlich soziale Institutionen eine wichtige Entlastungsfunktion angesichts der prinzipiellen Handlungs- und Entscheidungsoffenheit menschlicher Wesen ausüben. Die gegenwärtige gesellschaftliche De-Institutionalisierung zahlreicher Praktiken führt so folgerichtig zu einer (zeitlichen und kognitiven) Mehrbelastung, welche zur Verknappung der Zeitressourcen und damit zur Erhöhung des Lebenstempos nicht unerheblich beiträgt (S 205f).

Zwei nahe liegende Ursachen für den empfunden Zeitdruck sind zunächst die Verpassensangst und der Anpassungszwang. Die Angst, (wertvolle) Dinge zu verpassen, und daher der Wunsch, das Lebenstempo zu erhöhen, sind das Ergebnis eines sich in der Neuzeit entwickelnden kulturellen Programms, das darin besteht, durch beschleunigte ‚Auskostung von Weltoptionen‘ – d.h. durch Steigerung der Erlebnisrate – das je eigene Leben erfüllter und erlebnisreicher zu machen und eben dadurch ein ‚gutes Leben‘ zu realisieren. In dieser Idee liegt das kulturelle Versprechen der Beschleunigung; es hat zur Folge, dass Subjekte schneller leben wollen. … Das ‚objektive Geschehen‘ vollzieht sich rascher, als es im je eigenen Handeln und Erleben reaktiv verarbeitet werden kann. Darin liegt der strukturelle Beschleunigungszwang der Moderne; er hat zur Folge, dass Subjekte schneller leben müssen (S 218f).

Die Rhetorik der Beschleunigungsverheissung wird auf individueller wie politischer Ebene zunehmend durch diejenige des Anpassungszwangs ersetzt; an die Stelle einer Orientierung auf langfristige Ziele tritt das Bestreben, in einer durch Wandel, Kontingenz und Unsicherheit gekennzeichneten Welt Optionen und Anschlussmöglichkeiten offen zu halten (S 220).

In einer Gesellschaft in der die Vergangenheit ihre verpflichtende Kraft verloren hat, während die Zukunft als unvorhersehbar und unkontrollierbar konzipiert wird, mögen dagegen gegenwartsbezogene oder ‚situative‘ Identitätsmuster dominieren (S 237)

Sie ist dafür verantwortlich, dass in der ‚Postmoderne‘ alle identitätskonstituierende Beziehungen und Bestimmungen einer zeitlichen Markierung bedürfen. Wenn Familien, Berufe, Wohnorte, politische und religiöse Überzeugungen und Praktiken im Prinzip jederzeit gewechselt werden bzw. sich verändern können, dann ist man nicht mehr Bäcker, Ehemann von Y., Münchner, Konservativer oder Katholik per se, sondern nur noch für Perioden von nicht genau vorhersehbarer Dauer – man ist alle diese Dinge ‚im Moment‘, d.h. in einer Gegenwart, die zu schrumpfen tendiert; man war etwas anderes und wird (möglicherweise) jemand anderer sein. … Interessant ist dabei die Frage, ob jene Beziehungen dann überhaupt noch unsere Identität definieren können … Man ist nicht Bäcker, sondern man arbeitet (seit 2 Jahren) als Bäcker, man ist nicht Ehemann von Y. sondern lebt mit Y. zusammen … Eine solche Sichtweise führt letztlich zur These einer Identitätsschrumpfung: das Selbst zieht sich zu einem gleichsam ‚punktförmigen Selbst‘ zusammen (S 238)

In traditionalen Gesellschaften mit niedrigen Veränderungsraten finden sich die Individuen durch vorgängige und überdauernde Strukturen und damit gewissermaßen durch ‚intergenerationale‘ Identitäten bestimmt, während stabile und auf Dauer hin angelegte individuelle Identitäten in der spätmodernen Gesellschaft dem hohen Veränderungstempo nicht standhalten können und gleichsam ‚aufgebrochen‘ werden, sodass es zu ‚intragenerationalen‘ (bzw. intrapersonalen) Identitätssequenzen kommt (S 239).

Die These, die ich hier begründen möchte, lautet, dass die soziale Beschleunigung in der Moderne zu einem sich selbst antreibenden Prozess geworden ist, der in gleichsam zirkulärer Form die drei Beschleunigungsbereiche in ein wechselseitiges Steigerungsverhältnis setzt (S 243).

Der soziale Zweck und die unmittelbare Wirkung technischer Beschleunigung liegt darin, Zeit zu sparen, … d.h. der Bedarf an Beschleunigungstechniken und –technologien umso grösser wird, je knapper die Zeitressourcen werden und damit; je grösser die Beschleunigung des Lebenstempos ist. Die Knappheit der Zeitressourcen individueller wie kollektiver Akteure bildet daher eine mächtige Triebfeder für den Prozess der technischen und technologischen Innovation zur Akzeleration zielgerichteter Prozesse. Technische Beschleunigung ist daher eine direkte Folge der Verknappung der Zeitressourcen und damit der Erhöhung des Lebenstempos (S 244).

Nun kann es wenig Zweifel daran geben, dass die Kultur der Moderne in der Tat eine mächtige Quelle für ein derartiges moralisches ‚Verbot der Zeitverschwendung‘ kennt, nämlich das von Max Weber herausgearbeitete Ethos der ‚Protestantischen Ethik‘. Wie wir bereits gesehen haben, stellt das Gebot der Zeiteffizienz, der intensiven Nutzung und Verwertung jeder Minute, ein Kernelement dieser Ethik dar (S 282). … Nun ist es im Hinblick auf die erste dieser Fragen offensichtlich, dass die Zeitimperative der protestantischen Ethik – Verschwendungsverbot und Effizienzsteigerungsgebot – durch Angst und Verheißung (als den fundamentalsten menschlichen Antriebsprinzipien überhaupt) gleichermaßen motiviert waren … Als Grundangst wirkt in der dynamisierten Bewegungsgesellschaft der Moderne die universalisierte Beunruhigung – ursprünglich die des kapitalistischen Unternehmers-, in allen Daseinsbereichen gleichsam auf rutschenden Abhängen zu stehen, d.h. in einer Welt wachsender Kontingenzen unwiderruflich ‚abgehängt‘ zu werden, entscheidende Optionen und Anschlusschancen zu verlieren oder in unaufholbaren Rückstand zu geraten. Als Verheißung aber dient das Versprechen ‚immerwährender Prosperität‘ bzw. die ‚Verheißung des absoluten Reichtums. In dieser Verheißung finden wir einmal mehr jene für die Moderne so charakteristische Verknüpfung von Wachstum und Beschleunigung. … gewinnt das Geld (als gleichsam ‚geronnene‘ Zeit) in der säkularisierten kapitalistischen Gesellschaft eine religiöse Ersatzfunktion, indem es als Kontingenzbewältiger an die Stelle Gottes tritt (S 285).

Tatsächlich aber gelangte im Fortgang der Neuzeit eine andere Alternative zur kulturelle Hegemonie, die in der Spätmoderne zur konkurrenzlosen Antwort auf das Todesproblem geworden zu sein scheint: Die Vorstellung nämlich, durch beschleunigte Auskostung der Weltoptionen, durch schnelleres Leben lasse sich die Kluft zwischen Weltzeit und Lebenszeit wieder verringern. Um diesen Gedanken zu begreifen, muss man sich vor Augen halten, dass die Frage nach der Bedeutung des Todes unauflöslich verknüpft ist mit der Frage nach dem richtigen oder ‚guten‘ Leben. Denn die jener Antwort entsprechende, kulturgeschichtlich dominant werdende Vorstellung des guten Lebens besteht darin, das Leben als letzte Gelegenheit zu begreifen, d.h. die irdische Zeitspanne, die den Subjekten zugemessen ist, so intensiv und umfassend wie möglich zu nutzen, bevor der Tod den endgültigen Schlusspunkt setzt. Daraus ergibt sich als neuzeitliches Lebens- und Zeitideal, dass das gute Leben das erfüllte Leben sei, das darin besteht, möglichst viel von dem, was die Welt zu bieten hat, auszukosten und möglichst umfassend von ihren Möglichkeiten und Angeboten Gebrauch zu machen … Daraus ergibt sich die Erhöhung des Lebenstempos als gleichsam natürliche Konsequenz. Weil sich umso mehr Möglichkeiten realisieren lassen, je schneller die einzelnen Stationen, Episoden oder Ereignisse durchlaufen werden, stellt Beschleunigung die aussichtsreichste, ja die einzige Strategie dar, Weltzeit und Lebenszeit tendenziell einander anzunähern … es ist unschwer zu sehen, wie hier der Horizont eines ewigen Lebens zurückgewonnen wird durch die Imagination unbegrenzter Beschleunigung. Wer unendlich schnell wird, braucht den Tod als Optionenvernichter nicht mehr zu fürchten (S 289ff)

Wofür immer sich ein spätmoderner Akteur entscheiden mag, er entscheidet sich dabei zugleich gegen immer mehr Alternativen … Zu jedem späteren Zeitpunkt wird die Zahl der dann zur Verfügung stehenden Optionen in der Regel nicht geschrumpft, sondern weiter gewachsen sein … Die Folge ist offensichtlich: Der Ausschöpfungsgrad – das Verhältnis der in einem Leben realisierten zu den realisierbaren Weltmöglichkeiten – verringert sich entgegen der Beschleunigungsverheissung beständig, wie sehr wir uns auch abhetzen mögen, das Lebenstempo zu erhöhen. … Die sinnlose Unendlichkeit des Fortschritt überträgt sich so auf das Leben schlechthin: Das (spät)moderne Subjekt kommt niemals an dem Punkt, ‚alt und lebensgesättigt‘ zu sterben, die Lebenszeit also mit der Weltzeit versöhnt zu haben (S 293f)

Der Drang zur Schließung der Reihenfolgen und zur Eliminierung von Leerzeiten führt dann einerseits zum Verschwinden kollektiver Zeitmuster und –rhythmen zugunsten der verstetigten Non-Stop-Gesellschaft, in der systemische Prozesse der Tendenz nach rund um die Uhr weiterlaufen .. Andererseits hat diese Entwicklung zur Verstetigung systemischen Prozessierens für die individuellen Akteure zur Folge, dass soziale Systeme bzw. Organisationen und Institutionen „gierig“ werden. Sie begnügen sich nicht mehr mit den ihnen sozial zugewiesenen Zeit-Fenstern, sondern verlangen tendenziell nach der ungeteilten Aufmerksamkeit und den totalen Ressourcen der Subjekte. Weil aus der Binnenperspektive der jeweiligen Systeme alle anderen Aktivitäten nur störende Verzögerungen und eliminierbare Leerzeiten darstellen, wir der Zugriff hochtemporalisierter Systeme auf die Akteure tendenziell totalitär. Letztere stehen deshalb immer unter dem Zwang, Anforderungen an ihr Zeitbudget abwehren zu müssen, sie bewegen sich stets in einem „Magnetfeld sozialer Anforderungen“. … Ist das Zeitmuster der Zukunft dasjenige des flexiblen ‚Spielers‘, der aus der je gegebenen Situation heraus entscheidet, was er wann und wie lange tut – dies ist die gesellschaftsstrukturelle Grundlage der spätmodernen ‚Entgrenzung‘ von Arbeit, Freizeit und Leben, die natürlich ein hohes Maß an individueller Zeitsouveränität erfordert und ermöglicht (S 303ff).

Festgehalten werden kann hier, dass rigide Stunden-, Tages-, Jahres- und Lebenspläne strukturell der Vergangenheit angehören; sie lassen sich angesichts der temporalen Entgrenzung funktional hochdifferenzierter Systeme überall dort nicht mehr aufrechterhalten, wo die Kontinuierung systemischer Prozesse vom Engagement individuelle Akteure abhängt, wo also die Subjekte als Rollenträger einander nicht in der bruchlosen Fortsetzung der Operationen ablösen können ( S 307).

Die ökonomische Logik wirkt als primärer Akzelerator für die technische Beschleunigung. Die kulturelle Steigerungslogik treibt die Beschleunigung des Lebenstempos voran. Das Strukturprinzip der funktionalen Differenzierung beschleunigt den sozialen Wandel (S 310).

In zugespitzter Form lautet meine Diagnose, dass der Nationalstaat sich von einer Schlüsselinstanz der Beschleunigung in eine Kerninstitution der Entschleunigung bzw. ein Beschleunigungshindernis verwandelt hat … Die Strukturen und Entscheidungsprozesse bürokratischer Verwaltung haben nicht nur ihren Status als Inbegriff von Effizienz und Zeitrationalität verloren, sondern sie gelten geradezu als Paradebeispiel der Ineffizienz, d.h. der Langsamkeit und der Inflexibilität, und zwar just aufgrund jener Prinzipien, in den Weber einst ihre Rationalität und Schnelligkeit begründet sah. … Die von Castells diagnostizierte ‚Krise des Etatismus‘ seit dem letzten Quartal des 20.Jh. ist daher vor allem auch eine Krise der bürokratischen Verwaltung. Die Niederlage des Staatssozialismus gegenüber dem privatwirtschaftlichen Kapitalismus lässt sich so als Folge der an ihre Grenzen gelangten Beschleunigungsfähigkeit staatlicher Beschleunigung verstehen (S 325)

Wie ich zeigen werde, hat sich die Beschleunigungswirkung politischer Steuerung erschöpft, weil die zunächst eben dadurch angetriebenen Entwicklungen in Wirtschaft und Technik und in den sozialen Assoziationsmustern so schnell und flexibel geworden sind, dass die politischen Systeme mit ihnen nicht länger Schritt halten kann. … Infolge dieser temporalen Desynchronisation hat sich das Verhältnis von politischer Steuerung und sozialer Beschleunigung in den entwickelten Industriestaaten vollständig verkehrt: Während der Abbau staatlicher Regulierung und der Verzicht auf Steuerung weitere soziale Beschleunigung verspricht, erweist sich das Festhalten an solchen Steuerungs- und Regulierungsansprüchen vor allem als ökonomische Bremse. … Deshalb vermag es kaum zu überraschen, dass der Kern der heute weltweit so erfolgreichen Ideologie des Neoliberalismus in einer Politik der De-Regulierung, der Entbürokratisierung und des Staatsabbaus, kurz: in der ‚Ideologie der Politiklosigkeit‘ besteht (S 326ff).

 Der postulierte Beschleunigungsschub entwickelt seine ökonomischen, informationstechnologischen und kulturellen Triebkräfte spätestens seit den 1970er Jahren, doch gewinnt er seine raumgreifende Durchschlagskraft vor allem aus dem Zusammentreffen dreier historischer Entwicklungen um 1989: Sowohl die politische Revolution jenes Jahres – der Zusammenbruch der DDR und des Sowjetregimes und die politische und ökonomische Öffnung der osteuropäischen Staaten – als auch die insbesondere durch die Etablierung des Internet (und den Ausbau des Satellitenfernsehens) forcierte digitale Revolution, die sich kurz danach auch zu einer mobilen Revolution erweiterte, indem sie mikroelektronische, ortsungebundene kommunikative Erreichbarkeit ermöglichte, und schließlich die ökonomische Revolution der flexiblen Akkumulation bzw. der postfordistischen ‚just-in-time‘-Produktion des ‚Turbo-Kapitalismus‘ lassen sich im Kern als Beschleunigungsbewegungen verstehen (S 335).

Als Folge der jüngsten Zeit-Raum-Kompression hat sich, so lautet die prägnanteste Bestimmung von Globalisierung, als neuem Zustand, ein verändertes Raum-Zeit-Regime herausgebildet, das räumlich durch die Ersetzung stabiler Fixierungen durch permanent in Bewegung befindliche „flows“ und zeitlich durch die Auflösung stabiler Rhythmen und Sequenzen infolge der ubiquitären Vergleichzeitigung noch des Ungleichzeitigsten gekennzeichnet ist. Die Vorstellung, dass die kulturell und strukturell bedeutsamen Raumqualitäten heute nicht mehr durch territorial oder lokal fixierte, immobile Institutionen, durch feststehende Orte und Plätze, sondern durch gleichsam hin- und herfliessende, immer wieder ihre Richtung und Gestalt ändernde Ströme oder Flüsse (von Macht, Kapital, Waren, Menschen, Ideen, Krankheiten, Risiken etc.) bestimmt werden, ist gegenwärtig dabei, kulturelle Hegemonie zu erlangen. Zumindest dominiert sie die Diskurse der Globalisierung und der Postmoderne; sie scheint damit eine zentrale Befindlichkeit der Gegenwartsgesellschaft anzuzeigen. Baumann zieht daraus den Schluss, die gegenwärtige Epoche sei am treffendsten als „liquid modernity“ zu charakterisieren, und stellt den Zusammenhang zwischen den ‚Institutionen weichmachenden‘ Aspekt von Globalisierung und dem Irrelevantwerden des Raumes gegenüber der Zeit dar (S 342).

Während in der klassischen Moderne die raumzeitliche Ungebundenheit des Nomadismus (etwa der Obdachlosen, der Zigeuner, des ‚fahrenden Volkes‘ etc.) gegenüber der Sesshaftigkeit im Sinne der ‚permanenten Adresse‘ (und der uhrzeitbezogenen Zeitdisziplin) als Zeichen der Rückständigkeit galt und zu sozialer Exklusion führte, sind es heute gerade umgekehrt die Ortsgebundenheit und die mangelnde Zeitsouveränität (also die Befangenheit im Raum der Orte und die Bindung an das Dauerhafte), welche die sozial unterlegenen Klassen rückständig und gleichsam zurückgeblieben erscheinen lassen und Exklusionsgefahr signalisieren (S 345)

Unser Sinn wer wir sind (mithin für unsere Identität), ist geradezu eine Funktion unserer Beziehung zum Raum, zur Zeit, zu den Mitmenschen und zu den Objekten unserer Umwelt bzw. unseres Handelns und Erlebens. … Es gilt daher mit besonderer Sorgfalt die Frage aufzunehmen, ob und wie im Hinblick auf die Formen der Identität die quantitative Steigerung eines für die Moderne konstitutiven Grundprinzips in eine qualitative Veränderung der Selbstverhältnisse umschlagen kann (S 352).

Die ‚klassisch moderne‘ Identität erscheint gleichsam als eine stabile Identität a posteriori. Der identitätskonstituierende Auftrag an das moderne Individuum lautet: Finde deinen eigenen Weg, d.h.: wähle einen Beruf, gründe eine Familie, entscheide dich für eine Religionsgemeinschaft und finde eine politische Orientierung (S 359).

Die ansonsten recht heterogenen Diagnosen einer postmodernen Identität konvergieren in einer Verflüssigung der stabilen personalen Identität zugunsten offenerer, experimenteller und oft auch fragmentarischer Selbstentwürfe. Individualisierung meint auch in ihrer spätmodernen Form die Steigerung von Wahlmöglichkeiten und Kontingenzen in Bezug auf die Gestaltung der eigenen Biografie, wobei diese Steigerung nun vor allem die Form einer freien Kombinierbarkeit und einer leichteren Revidierbarkeit der Identitätsbausteine annimmt. In der Spätmoderne nehmen also einerseits die Wahlmöglichkeiten und Differenzierungsweisen nicht nur im Hinblick auf zentrale Lebens- und Identitätsdimensionen wie Beruf, Familie, Religion, Wohnort, tendenziell aber auch Nationalität, Sexualität und Geschlecht, sondern gerade auch hinsichtlich peripherer, aber den Alltag mitprägender Lebensbereiche wie Telefon- und Versicherungsgesellschaft, Energiegesellschaft, Vereine, Geldanlageformen etc. noch einmal erheblich zu. Andererseits aber sind nun zentrale wie periphere Identitätsbausteine nahezu frei kombinierbar und tendenziell beliebig revidierbar. Familien, Berufe, religiöse Zugehörigkeiten, Parteipräferenzen, Versicherungsgesellschaften und Freundesnetze sind keine Fixpunkte der Lebensführung mehr, die nach der (einmaligen) Wahl ein Leben lang Bestand haben, sondern sie können jederzeit durch eigene Wahl oder die Entscheidung anderer revidiert werden (S 362f).

Neu ist an dieser Situation also zum einen die progressive Auflösung der ‚Cluster‘ an Identitätsmerkmalen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit gemeinsam auftreten – es kommt zu einer Ausdifferenzierung individueller Lebenslagen -, und zum anderen der Verlust der Vorhersagbarkeit der weiteren biografischen Entwicklung nach einer individuellen Entscheidung in den einzelnen Lebensbereichen. Denn Revidierbarkeit bedeutet hier nichts anderes als die Temporalisierung personaler Identität. Wer jemand ist, lässt sich nun nicht mehr ablesen an einem traditionsbestimmten kulturellen und sozialen Ordnungsmodell, das über viele Generationen hinweg Bestand hat; aber es lässt sich auch nicht mehr eine ganze individuelle Lebensspanne hinweg bestimmen (wie in der klassischen Moderne); es hängt vielmehr vom Zeitpunkt innerhalb eines Lebensvollzugs ab. Identität wird damit transitorisch, sie ändert sich in einem intragenerationalen Wandlungstempo. In der Spätmoderne müssen die identitätsanzeigenden Prädikate stets mit einem Zeitindex versehen werden. Man ist nicht mehr Bäcker, Konservativer oder Katholik per se, sondern stets nur ‚im Moment‘ und für tendenziell schrumpfende Gegenwartsperioden von nicht vorhersagbarer Dauer; man war etwas anderes und wird (möglicherweise) jemand anderer sein (S 373f).

 

Die für die Lebensstilfiguren und Identitätstypen der klassischen Moderne unbewältigbare Hyperakzeleration der Spätmoderne erscheint dem „Spieler“ nicht mehr als Bedrohung, sondern er affirmiert sie geradezu lustvoll als Möglichkeitsgenerator, mit dem ‚eine immer raschere Verzeitlichung von Zeit möglich wird. Er entledigt sich vorgegebener Zeitzwänge, Zeitbindungen und Zeitimperative; er moderiert und moduliert seine eigenen hochsituativen Eigenzeiten. Mithin reflektiert der „Spieler“ in seiner Orientierung die wachsende Dynamik und Komplexität einer Gesellschaft, die in der Flut von Ereignissen ihre eigene Identität zunehmend nur noch in momenthaften Situationsbeschreibungen einfangen kann. Auch Voss grenzt diese Art der situativen Lebensführung von tendenziell überholten Mustern ab, nämlich einerseits von der traditionalen Lebensführung und andererseits von der strategischen Lebensführung. … Eine strategische Lebensführung beruht auf systematischer Planung, Berechnung, und aktiver Beherrschung der Bedingungen und Ressourcen des Lebens zur Verwirklichung von Lebensentwürfen: Wichtige Perspektive einer solchen Lebensführung ist die laufende Optimierung und Verdichtung des Alltagsverlaufs (S 370f).

Die situative Logik der alltäglichen und biografischen Lebensführung, so meine Thesen, ist nun unmittelbar identitätsprägend deshalb, weil sie die Individuen dazu zwingt, Zeithorizonte und –perspektiven synchron und diachron flexibel und variabel zu halten. Wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft immer wieder neu und situativ verknüpft und gedeutet werden, ändert sich auch die Konzeption dessen, wer man war, ist und sein wird, stets aufs Neue. Ausprägung und Gewichtung der Identitätsparameter ändern sich von Situation zu Situation: Wer man ist, hängt davon ab, mit wem man es gerade zu tun hat und in welcher Gesellschaftssphäre man sich gerade engagiert. .. Kohärenz und Kontinuität des Selbst werden somit kontextabhängig, flexibel konstruiert, seine Stabilität beruht nicht mehr auf substanziellen Identifikationen (S 372f).

Was unter den Zwängen der Beschleunigungsgesellschaft also preisgegeben wird, ist die Idee eines auf Dauer oder Langfristigkeit hin angelegten Identitätsprojektes, mithin die Vorstellung einer Autonomie, welche Subjekten das kontextübergreifende und zeitstabile Verfolgen von selbstdefinierten Werten und Zielen ermöglicht (S372)

Versteht man Identität dagegen als einen Orientierungs- und Handlungsfähigkeit verleihenden Sinn dafür, wer man ist, dann sind situative Identitäten gleichsam als logischer Fluchtpunkt gesteigerter Individualisierung und Beschleunigung durchaus vorstellbar: Jener Sinn wandelt sich von Kontext zu Kontext und von Situation zu Situation, aber das in allen Praxiszusammenhängen entscheidungs- und handlungsleitende Identitätsgefühl geht dabei nicht verloren. Denn die Vorstellung einer solchen Identität besagt natürlich nicht, dass alle Identitätsmerkmale von Situation zu Situation verändert werden (S 373).

Ein genuin postmodernes Selbst zeichnet sich just dadurch aus, dass es den inneren Zwang zu einem einheitlichen Stil weder synchron noch diachron mehr verspürt … ohne die damit verknüpften Inkonsistenzen als problematisch zu empfinden. Im Gegenteil beruht der Reiz des postmodernen Credos ‚Ich bin viele‘ gerade darauf, auch in solchen Stilfragen Möglichkeiten flexibel auszuprobieren und Pastiche und Collage zu akzeptieren. Problematisch wird diese interne Pluralisierung indessen dort, wo das Subjekt gezwungen ist, Relevanzen und Prioritäten zu bestimmen, und wo sich aus solcher Pluralität konfligierende Handlungsforderungen ergeben (S 375).

Auf Stabilität hin ausgerichtete Selbstentwürfe erscheinen in der Spätmoderne daher als anachronistisch und in einer hochdynamischen Umwelt zum Scheitern verurteilt, während auf Flexibilität und Wandlungsbereitschaft hin angelegte Identitätsformen systematisch begünstigt werden. Umgekehrt werden natürlich Selbstentwürfe, die ein affirmatives und konstitutives Verhältnis zur Idee der steten Veränderung haben, selbst wieder zu Antriebskräften für die Beschleunigung des Lebenstempos und des sozialen Wandels (S 379).

Kennzeichnend für die spätmoderne Identität scheint damit aber der Verlust der Wahrnehmung einer gerichteten Bewegung des Selbst oder des Lebens durch die Zeit, und daher der Verlust der Entwicklungsperspektive, zu sein (S 390).

Als zentrale temporalspezifische Schwierigkeit demokratischer Politik erweist sich die Tatsache, dass eine parzipative und deliberative Willensbildung unter Einbeziehung einer weitgefassten demokratischen Öffentlichkeit nur unter spezifischen sozialen Bedingungen und nur sehr beschränkt beschleunigungsfähig ist. Die Aggregation und Artikulation kollektiver Interessen und die demokratische Entscheidungsfindung sind und bleiben zeitintensiv – demokratische Politik ist deshalb in hohem Masse der Gefahr ihrer Desynchronisation gegenüber stärker beschleunigungsfähigen sozialen und ökonomischen Entwicklungen ausgesetzt( S 395).

Weil nun aber die Eigenzeit des Politischen weitgehend beschleunigungsresistent bzw. –unfähig ist, hat die Politik, so meine These, gegen Ende des 20.Jh. ihre in der klassischen Moderne unangefochtene Stellung des sozialen Schrittmachers (die nun von der Wirtschaft okkupiert scheint) verloren: Ihre Zeithorizonte weisen in zunehmendem Masse eine höchst paradoxe Struktur auf – die Zeit in der Politik gerät massiv durcheinander und bringt damit auch die klassisch-moderne Konzeption der Rolle der Politik in der Zeit zum Einsturz (S 407)

Denn je geringer der voraussetzbare Wertekonsens einer Gesellschaft ist und je weniger traditionalistisch oder konventionalistisch die Begründungs- und Legitimationsprinzipien der politischen Auseinandersetzung werden, umso schwieriger wird es, eine Übereinkunft zu finden bzw. einen zustimmungsfähigen politischen Willen zu formen (S 412).

Doch scheint auch klar, dass die unter dem Stichwort der ‚Individualisierung der Lebenslagen‘ diskutierte progressive Auflösung stabiler sozialer Milieus, die Instabilität sozialer Zugehörigkeiten und die Volatilität politischer Präferenzen es zunehmend schwieriger machen, kollektive Interessen zu artikulieren und zu organisieren, nicht zuletzt weil immer unklarer wird, welche sozialen Gruppen, Assoziationen und Partner für welche Aushandlungsprozesse überhaupt relevant sind (S 413).

Das Dilemma der Politik in der Spätmorderne führt nun aber ganz offensichtlich zu einer Verlegung des Entscheidungsprozesses aus dem Bereich demokratischer Politik in andere, schnellere Arenen der Gesellschaft. … Die im gegebenen Kontext schwerwiegendste Folge dieser Zeitkrise der Politik ist jedoch die Rücknahme ihres Gestaltungsanspruches und der damit verknüpfte fundamentale Wandel in ihrer Konzeption von Status und Funktion der Politik in der Geschichte. … Alle genannten politischen Entwicklungen scheinen tatsächlich darauf hinzudeuten, dass die Zeit der modernen Politik abgelaufen ist. Weil die Politik in der Spätmoderne in ihrem Zeithorizont und ihrer Arbeitsgeschwindigkeit hinter den Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft zurückbleibt, kann sie die (ihr kulturell noch immer zugedachte) Funktion des Schrittmachers der sozialen Entwicklung und des Gestalters der Geschichte nicht mehr wahrnehmen (S 415f).

Sofern die Unterscheidung zwischen linker und rechter Politik überhaupt noch eine Bedeutung hat, finden sich in die Progressiven heute in gerader Umkehrung der klassisch-modernen Verhältnisse zumeist auf Seiten der Entschleuniger wieder, weil sie für eine politische Kontrolle der Wirtschaft, für Prozesse demokratischen Aushandelns sowie für den Schutz der Umwelt und lokaler Partikularismen eintreten, während die Konservativen nun eine Strategie der Beschleunigung auf Kosten des genuin Politischen zu verfolgen scheinen, sofern sie sich etwa für die rasche Einführung neuer Technologien, den Abbau politischer Hürden für das Zirkulieren der ‚global flows‘ , die Vorherrschaft des Marktes und für beschleunigte Formen der Entscheidungsfindung stark machen (S 416).

Vielleicht spiegelt so der progressive Niedergang der Wahlbeteiligung in fast allen entwickelten Demokratien nicht einfach einen Verfall des bürgerschaftlichen Pflichtbewusstseins wider, sondern eine tiefere Rationalität der Wähler, die in ihrem Rückzug den zunehmenden Bedeutungsverlust der Politik für den Gang der Geschichte zum Ausdruck bringen. … An die Stelle geschichtsphilosophischer Konzeptionen oder langfristiger politischer Strategien tritt kurzsichtiges Operieren je nach situativer Lage. Situative Politik ist daher ein kollektives Korrelat zur spätmodernen Form situativer Identität. Die Situativität ist in beiden Fällen eine Folge gesteigerter sozialer Beschleunigung … (S 417f).

Die mit dieser Geschichtswahrnehmung verbundene kulturelle Krisenerfahrung liegt in dem gleichzeitigen Verlust einer referenzstiftenden Vergangenheit und einer sinnstiftenden Zukunft. … die Problemstellung der ‚Posthistoire‘-Diagnose „nicht das Ende der Welt, sondern das Ende von Sinn“ ist … Die Krise besteht vielmehr darin, dass es nichts mehr zu entscheiden gibt: Die sozialen Handlungsabläufe und systemischen Entwicklungen haben sich gegenüber der politischen Steuerung verselbständigt und der Letzteren dabei die kulturelle Sinngrundlagen entzogen (S 424f).

Wie ich dargelegt habe, droht nämlich die Beschleunigung oder Verdichtung von Handlungs- und Erlebnisepisoden aus einer stimulierenden ‚Steigerung des Nervenlebens‘ stets in deren Gegenteil, in die Erfahrung ereignisloser, existenzieller Langeweile („l’ennui“), und im Extremfall sogar in die pathologische Erfahrung einer ‚eingefrorenen‘ Zeit der Depression umzuschlagen. In individueller wie kollektiver Hinsicht, so der Befund, ist es der Übergang von einer als gerichtet erfahrenen Bewegung in eine richtungslose Dynamisierung, der den Eindruck des Stillstandes trotz oder gerade aufgrund einer hohen Ereignisdynamik hervorruft (S 437)

Individualisierung ist eine Ursache ebenso wie eine Folge sozialer Beschleunigung, insofern Individuen mobiler, flexibler in der Anpassung an sozialen Wandel und schneller im Fällen von Entscheidungen sind als Kollektive; funktionale Differenzierung verursacht Beschleunigung und stellt zugleich eine aussichtsreiche Strategie gegenüber dem Akzelerationsdruck dar, weil sie die Externalisierung von Kosten sowie die Beschleunigung systemischen Prozessierens und dabei zugleich die (sich wechselseitig vorantreibende) Steigerung und Temporalisierung von Komplexität ermöglicht. Dasselbe gilt für Prozesse der Rationalisierung im Sinne der Effizienzsteigerung in Zweck-Mittel-Beziehungen und für Domestizierungsprozesse im Sinne einer Steigerung der Austauschvorgänge mit der Natur (S 441).

Soziale Beschleunigung unterminiere daher nicht die Möglichkeit von Subjektivität per se, sondern befreie sie aus restriktiven Stabilitätszumutungen, so das Argument. Die soziale Fragmentierung und Desynchronisierung sowie der Verzicht auf Integration von Erlebnisepisoden zu einem identitätskonstituierenden Erfahrungsganzen lassen sich dann lustvoll affirmieren, wenn es gelingt, ein ironisch-spielerisches Verhältnis zu den unkontrollierbaren Wechselfällen des Lebens zu entwickeln und auf die Vorstellung sinnhafter Ganzheit der Welt sowie dauerhafte Bindungen an Orte, Menschen, Praxisformen oder Werte zu verzichten (S 457).

Wie geht die Geschichte weiter, wie wird die Beschleunigungsgeschichte enden? Vier alternative Szenarien sind denkbar, die allerdings durchaus nicht gleich wahrscheinlich sind. Die erste Möglichkeit besteht in der Tat in der Herausbildung einer neuen Form der institutionellen Hegung und Stabilisierung des Beschleunigungsprozesses und damit im Erreichen eines neuerlichen Equilibriums auf einem höheren Geschwindigkeitsniveau, das die Organisations- und Orientierungsleistung der klassischen Moderne wiederholt, indes es die zu langsam gewordenen sozialen, politischen und rechtlichen Institutionen und Arrangements des nationalen Wohlfahrtsstaat durch dynamischere Einrichtungen ersetzt, die dann individuell wie politisch das Projekt der Moderne mit den Geschwindigkeiten der Spätmoderne versöhnen. Auf dieses Ziel richten sich die Reformhoffnungen derjenigen, die auf adaptive politische Maßnahmen unter Aufrechterhaltung des Autonomieanspruchs drängen. Ihre optimistische Haltung gründet auf der Vorstellung, dass die infolge der höheren Dynamik vergrößerten Spiel- und Handlungsräume sich in verbesserte individuelle und politische Gestaltungschancen übersetzen lassen … Ich halte diese Hoffnungen für unrealistisch, weil nicht zu sehen ist, wie jene Reformen das Problem der Desynchronisation deliberativ-demokratischer Politik in den Griff bekommen könnten und wie sie sich überhaupt politisch bewerkstelligen lassen, wenn eine politische Steuerung mit den vorhandenen Mitteln immer unwahrscheinlicher wird … Nach der Logik der Entwicklung von Akzelerationskräften und institutionellen Entfaltungsbedingungen wäre damit zu rechnen, dass die so geschaffene ‚zweite Moderne‘ von noch kürzerer Bestandsdauer sein würde als die erste (S 486f).

 Eine zweite Möglichkeit stellt die endgültige Preisgabe des ‚Projekts der Moderne‘ dar, die zur Entstehung genuin ‚postmoderner‘ Formen von Subjektivität und einer neuen Art von (Sub-)Politik führen könnte, welche auf Autonomie- und Steuerungsansprüche verzichteten und ebendeshalb die spätmodernen Erscheinungsformen der sozialen Beschleunigung zu affirmieren vermöchten. Mit ihnen müssten neue Weisen der Wahrnehmung und der Verarbeitung von Geschwindigkeit und neue Arten individueller und kollektiver Selbstverhältnisse einhergehen. Die dargelegten Synchronisationsprobleme blieben freilich auch bestehen; das Ende der Beschleunigungsgeschichte bliebe unabsehbar (S 385).

 So besteht eine dritte Möglichkeit in dem umgekehrten Versuch, den Gestaltungsanspruch gegenüber den sich verselbständigten Beschleunigungskräften durchzusetzen. Diese erforderte gleichsam einen ‚Griff zur Notbremse‘, der verhinderte, dass das soziale Tempo jenes Maß überschreitet, in dem es noch politisch und individuell kontrolliert werden kann. Eine solche Lösung verlangte einen entschiedenen politischen Eingriff in die Entwicklungsautonomie der schnelleren Funktionssysteme zum Zweck ihrer ‚Zwangs-Re-Synchronisation‘ sowie der Abbremsung der Dynamisierungsbewegung auf ein nach den Vorstellungen der klassischen Moderne humanverträgliches Maß. Die Vorstellung ist jedoch aufgrund der unvorhersehbaren ökonomischen und sozialen Kosten, die eine derartige erzwungene Re-Synchronisation verursachen würde, vor allem aber auch aufgrund der Krise der modernen Konzeption der Rolle der Politik in der Zeit höchst unrealistisch, nicht nur weil unklar bleibt, wer der politische und institutionelle Träger einer solchen Entschleunigungspolitik sein könnte. Denn sie bedeutete im Grunde nicht nur die Rücknahme der funktionalen Differenzierung, sondern den Ausstieg aus dem Modernisierungsprozess überhaupt (S 488f).

Die vierte – und wahrscheinlichste – Möglichkeit: Das ungebremste Weiterlaufen in einen Abgrund, der logisch durch das endgültige Zusammenfallen der Antinomien von Bewegung und Beharrung und durch die Realisierung jener die Moderne von Anfang an begleitenden Vision des rasenden Stillstandes als Kehrseite der totalen Mobilmachung, empirisch aber vermutlich langer vorher entweder durch den Kollaps der Ökosysteme oder durch den endgültigen Zusammenbruch der modernen Sozial- und Werteordnung unter dem Druck der wachsenden Beschleunigungspathologien und der Macht ihrer dadurch begünstigten Feinde. Den Verlust der Fähigkeit, Bewegung und Beharrung zu balancieren, so steht zu vermuten, wird die moderne Gesellschaft schließlich mit der Erzeugung nuklearer oder klimatischer Katastrophen, mit sich rasend schnell ausbreitenden neuen Krankheiten oder neuen Formen des politischen Zusammenbruchs und der Eruption unkontrollierbarer Gewalt bezahlen, die insbesondere dort zu erwarten stehen, wo die von der Beschleunigungs- und Wachstumsprozessen ausgeschlossenen Massen sich gegen die Beschleunigungsgesellschaft zur Wehr setzen (S 489).

Die Alternative zwischen einer finalen Katastrophe und einer radikalen Revolution stellt indessen kaum ein Ende dar, um dessentwillen man eine Geschichte zu lesen oder zu schreiben beginnt. In jedem Fall handelt es sich dabei um ein äußerst beunruhigendes Ende. Doch in ebendieser Beunruhigung kann eine kreative zeitgenössische Sozialtheorie vielleicht einen Anstoß für das Auffinden einer fünften Endung der Beschleunigungsgeschichte finden (S 489).

 

 

Hector und die Entdeckung der Zeit

Francois Lelord, Piper Verlag 2006

 

 

Zeit-Etüden

 

1, Berechnen Sie Ihre Lebenszeit in Hundeleben

 

2, Listen Sie alles auf, was Sie sich als Kind zu tun und zu werden vorgenommen hatten, wenn Sie erst einmal erwachsen sein würden

 

3, Messen Sie an einem bestimmten Tag die Zeit, die Sie für sich selbst haben. Schlafen zählt nicht mit.

 

4. Denken Sie an alle Personen und Dinge, denen Sie gegenwärtig nicht genügend Beachtung schenken, denn eines Tages wird aus Gegenwart Vergangenheit geworden sein, und dann ist es zu spät.

 

5. Stellen Sie sich Ihr Leben las eine große Rolle Stoff vor, aus welcher man alle Kleidungsstücke geschneidert hat, die Sie seit Kindheitstagen getragen haben. Stellen Sie sich dann vor, welche Garderobe Sie aus der restlichen Rolle noch schneidern könnten.

 

6. Schreiben Sie alles auf, wodurch Sie sich jünger fühlen. Notieren Sie danach alles, wodurch Sie sich älter fühlen.

 

7. Wenn Sie nicht an Gott glauben, stellen Sie sich einmal vor, Sie würden an ihn glauben. Wenn Sie an ihn glauben, stellen Sie sich vor, Sie glaubten nicht mehr an ihn. Beobachten Sie, ob sich dadurch Ihre Sicht auf die verstreichende Zeit ändert.

 

8. Organisieren Sie ein Spiel mit Freunden. Versuchen Sie, eine Definition der Zeit zu finden. Erster Preis: eine Uhr!

 

9. Nehmen Sie sich Zeit zum Überlegen. Die Vergangenheit existiert nicht mehr, also existiert sie nicht. Die Zukunft existiert noch nicht, also existiert sie nicht. Die Gegenwart existiert nicht, denn sobald wir von ihr reden, ist sie Vergangenheit. Aber was existiert dann überhaupt?

 

10. Und wenn Ihr Leben nur ein Traum wäre? Wo schläft der Träumende in diesem Fall?

 

11. Verstecken Sie Ihre Uhr. Notieren Sie von Zeit zu Zeit, wie spät es Ihrer Meinung nach ist. Vergleichen Sie dann mit der Zeit auf der Armbanduhr.

 

12. Denken Sie über Ihre ganze Vergangenheit nach, und versuchen Sie davon ausgehend Ihre ganze Zukunft vorauszusehen (oder jedenfalls die Zukunft, die für Sie am wahrscheinlichsten ist).

 

13. Wenn Sie eine betagte Person sehen, sollten Sie sich immer vorstellen, wie sie einmal als junger Mensch gewesen sein mochte.

 

14. Denken Sie einmal daran, dass Sie das Älterwerden vielleicht dem himmlischen Königreich (oder wie dieser Ort in Ihrer Religion heißt) näher bringt.

 

15.Stellen Sie sich vor, Sie wären eine Kuh. Sie erinnern sich nicht daran, dass Sie einmal ein Kalb gewesen sind. Sie wissen nicht, dass Sie eines Tages sterben werden. Wären Sie dann glücklicher? Würden Sie gern eine Kuh sein, wenn man Sie vor die Wahl stellte? Oder vielleicht ein andres Tier ? Wenn ja, welches ?

 

13. Konzentrieren Sie sich, und machen Sie sich bewusst, dass es keine Zeit ohne Bewegung gibt und keine Bewegung ohne Zeit. Die Zeit ist ein Maß der Bewegung.

 

17. Legen Sie sich eine Sammlung von schönen Gedichten über die verstreichende Zeit an. Lernen Sie sie auswendig und rezitieren Sie sie vor Freunden, die älter beziehungsweise jünger sind als Sie.

 

18. Verbringen Sie Zeit mit dem Versuch, Dinge zu ändern, die geändert werden können. Bemühen Sie sich, das hinzunehmen, was nicht geändert werden kann. Denken Sie darüber nach, wie sich das eine vom anderen unterscheiden lässt. Je häufiger Sie diese Fragen mit Ja beantworten können, desto besser.

 

19. Treffen Sie die Kinder der Menschen, die Sie geliebt haben, als Sie jünger waren.

 

20. Lesen Sie ein gutes populärwissenschaftliches Buch über die Zeit und die Relativitätstheorie. Denken Sie eine Weile darüber nach, wie Ihr Leben in einem Paralleluniversum aussehen könnte, in dem Sie an einem entscheidenden Punkt mehr Glück hatten, und wie es in einem dritten verlaufen würde, wo sie es weniger gut getroffen haben.

 

21. Wenn Sie immer jung wirken möchten, sollten Sie stets im Schatten bleiben (oder sich höchstens bei Kerzenlicht präsentieren).

 

22. Was ist Ihrer Meinung nach ein gut ausgefülltes Leben?

 

23. Legen Sie sich eine schöne Tabelle mit vier Feldern an: „Dringend + Wichtig“, „Dringend + Nicht wichtig“, „Nicht dringend + Wichtig“, „Nicht dringend + Nicht wichtig“. Ordnen Sie alles, was Sie zu tun haben, in diese vier Felder ein. Überlegen Sie dann, ob es Ihnen etwas gebracht hat.

 

24. Ordnen Sie alle Ihre Tätigkeiten in folgende drei Kategorien ein: „wichtig, um die Arbeit gut zu erledigen“, wichtig für den Chef“, „wichtig für mich selbst“. Wieviel Zeit verbringen Sie mit jedem dieser drei Bereiche?

Listen Sie auf, wieviel Zeit Sie damit verbringen, wichtige Dinge für Ihre Kinder zu erledigen, für Ihren Partner und für sich selbst. Präsentieren Sie Ihrer Familie das Ergebnis.

 

25. Hören Sie Musik, und sagen Sie sich dabei, sie sei ein Sinnbild für die Zeit. Welche Melodie hat Ihr Leben?