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Empört Euch!

Stéphane HESSEL, Ullstein Verlag 2011

 

Die letzte Gelegenheit, die Nachkommenden teilhaben zu lassen an der Erfahrung, aus der mein politisches Engagement erwachsen ist: die Jahre des Widerstands gegen Diktatur und Besetzung – die Résistance – und ihr politisches Vermächtnis ….. Wir alle sind aufgerufen, unsere Gesellschaft so zu bewahren, dass wir auf sie stolz sein können ….

 

Damals wurde das System der sozialen Sicherheit geschaffen, wie es die Résistance in ihrem Programm vorgestellt hatte: „Ein vollständiger Plan sozialer Sicherheit mit dem Ziel, allen Bürgern, denen dies nicht durch eigene Arbeit möglich ist, die Existenzgrundlage zu gewährleisten“; „ein Ruhestand, der den Arbeitnehmern ein Alter in Würde gestattet“. Die Energieversorgung, Strom und Gas, der Kohlebergbau, die Großbanken sollten verstaatlicht werden“ … „die Errichtung einer echten wirtschaftlichen und sozialen Demokratie unter Ausschaltung des Einflusses der großen im Wirtschafts- und Finanzbereich bestehenden privaten Herrschaftsdomänen auf die Gestaltung der Wirtschaft“. Das Gemeinwohl sollte über dem Interesse des Einzelnen stehen, die gerechte Verteilung des in der Arbeitswelt geschaffenen Wohlstandes über die Macht des Geldes.

 

Man wagt uns zu sagen, der Staat könne die Kosten dieser sozialen Errungenschaften nicht mehr tragen. Aber wie kann heute das Geld dafür fehlen, da doch der Wohlstand so viel grösser ist als zur Zeit der Befreiung, als Europa in Trümmern lag? Doch nur deshalb, weil die Macht des Geldes – die so sehr von der Résistance bekämpft wurde – niemals so groß, so anmaßend, so egoistisch war wie heute, mit Lobbyisten bis in die höchsten Ränge des Staates (S 9)

 

Das Grundmotiv der Résistance war die Empörung. … Mischt euch ein, empört euch! Die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft, die Intellektuellen, die ganze Gesellschaft dürfen sich nicht kleinmachen und kleinkriegen lassen von der internationalen Diktatur der Finanzmärkte, die es so weit gebracht hat, Frieden und Demokratie zu gefährden.

 

Ich wünsche allen, jedem Einzelnen von euch einen Grund zur Empörung. Das ist kostbar. Wenn man sich über etwas empört, wie mich der Naziwahn empört hat, wird man aktiv, stark und engagiert (S 10).

Geschichte ist eine Abfolge von Erschütterungen –und damit Herausforderungen. Die Geschichte der Gesellschaften schreitet voran, bis am Ende der Mensch seine vollständige Freiheit erlangt hat und damit der demokratische Staat in seiner idealen Form entstanden ist (S 12).

 

Die Gründe, sich zu empören, sind heutzutage oft nicht so klar auszumachen – die Welt ist komplex geworden…… Um wahrzunehmen, dass es in dieser Welt auch unerträglich zugeht, muss man genau hinsehen, muss man suchen. … „Ohne mich“ ist das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann. Den „Ohne mich“-Typen ist eines der absolut konstitutiven Merkmale des Menschen abhanden gekommen: die Fähigkeit zur Empörung und damit zum Engagement. Zwei große neue Menschheitsaufgaben sind für jedermann erkennbar: (1) Die weit geöffnete und noch immer weiter sich öffnende Schere zwischen ganz arm und ganz reich … Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Kluft sich weiter vertieft. Allein schon dies heißt, sich zu engagieren (2) Die Menschenrechte und der Zustand unseres Planeten (S 13).

 

Wir müssen den Weg der Gewaltlosigkeit gehen lernen. Die Zukunft gehört der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung der Kulturen – davon bin ich überzeugt (S 18).

 

Für einen Aufstand in Friedfertigkeit. … Das im Westen herrschende materialistische Maximierungsdenken hat die Welt in eine Krise gestürzt, aus der wir uns befreien müssen. Wir müssen radikal mit dem Rausch des ‚Immer noch mehr‘ brechen, in dem die Finanzwelt, aber auch Wissenschaft und Technik die Flucht nach vorn angetreten haben. Es ist höchste Zeit, dass Ethik, Gerechtigkeit, nachhaltiges Gleichgewicht unsere Anliegen werden. Denn uns drohen schwerste Gefahren, die dem Abenteuer Mensch auf einem für uns unbewohnbar werdenden Planeten ein Ende setzen könnten (S 19f).

 

Nein, die Bedrohung ist nicht ganz gebannt. Und so rufen wir weiterhin auf zu ‚einem wirklichen, friedlichen Aufstand gegen die Massenkommunikationsmittel, die unserer Jugend keine andere Perspektive bieten als den Massenkonsum, die Verachtung der Schwächsten und der Kultur, den allgemeinen Gedächtnisschwund und die maßlose Konkurrenz aller gegen alle. Den Männern und Frauen, die das 21.Jahrhundert gestalten werden, rufe ich aus ganzem Herzen und voller Überzeugung zu:

 

Neues schaffen heißt

Widerstand leisten.

Widerstand leisten heißt

Neues schaffen.

 

  

Engagez-vous! (Übersetzung ‚Engagiert Euch !‘)

Stéphane Hessel / Gilles Vanderpooten, Aube 2011 (frz)

 

Ablehnung des Diktats des Profit und des Geldes, Empörung gegen das Nebeneinander von extremer Armut und arrogantem Reichtum, Ablehnung des wirtschaftlichen Feudalismus, Bestätigung einer wirklich unabhängigen Presse, Absicherung eines sozialen Sicherungssystems … Werte und Errungenschaften die wir gestern verteidigt haben und die heute in Schwierigkeiten oder sogar in Gefahr sind … Widerstand leisten heißt, skandalöse Gegebenheiten zu erkennen und sie mit Nachdruck bekämpfen.

 

Ich denke, der größte Skandal ist wirtschaftlicher Natur: soziale Ungleichheiten, das Nebeneinander von extremem Reichtum und extremer Armut auf einem Planeten mit immer mehr Verbindungen und Abhängigkeiten zwischen den Menschen und den Staaten … Zur Zeit der Résistance war das Ziel recht einfach. Heute wird reflektiert, publiziert, auf demokratischem Weg Regierungen gewählt und man hofft die Gegebenheiten auf intelligente Weise und über einen längeren Zeitraum zu verändern

 

Wenn ich mich mit Schülern unterhalte, die noch vor den großen Lebensentscheidungen stehen, sage ich ihnen : Fragt euch was euch empört und euch aufregt, und ihr etwas herausgefunden habt, versucht konkret herauszufinden wie ihr dagegen ankämpfen könnt.

 

 Ich habe den Eindruck gewonnen, vielleicht ist er falsch, dass man nicht mit gewalttätigen, revolutionären Aktionen, mit dem Umsturz von bestehenden Institutionen, die Geschichte vorwärts bringt. Ich bin überzeugt dass Fortschritt durch Kooperation der bestehenden Institutionen möglich ist. Ich bin ein überzeugter Anhänger der UNO. Ich denke dass meiner Generation zwei Sachen gelungen sind: die Charta der Vereinten Nationen einschließlich der Deklaration der universellen Menschenrechte und Europa befriedet zu haben.

 

Was hat die junge Generation für eine Aufgabe? Die Werte ernst zu nehmen auf denen ihr Vertrauen oder Misstrauen gegenüber ihren Regierungen begründet sind – das Prinzip der Demokratie, mit der man Einfluss auf die Entscheidungen der Regierenden hat.

 

Was uns derzeit empört, ist der schlechte Zustand unserer Erde und dass wir nicht tun, was wir tun sollten. Wir lassen es so weiter laufen. Hier kann Widerstand einen ganz konkreten Sinn bekommen: protestieren gegen das Handeln der großen Öl-Konzerne.

 

Das Engagement der jungen Generation um den exzessiven Verbrauch von Energie und Ressourcen zu vermindern. Hier ist Gelegenheit für konkretes Engagement bei dem man sein eigenes Verhalten ändern kann und sich mit Hilfe von bestehenden Organisationen gegen die Auswüchse beim Verkehr und Kernenergienutzung stemmen kann. Man kann sich als Einzelperson oder in Gruppen engagieren und einen direkten Sinn seinem Widerstand geben.

 

Unter den wertvollen Möglichkeiten des Engagements für die heutige Generationen schätze ich besonders die Aktionen für Entwicklung und Kooperation gemeinsam mit jungen Menschen aus armen Ländern. … Wenn heute ein 25jähriger Mensch mit jungen Menschen aus Asien oder Afrika in direkten Kontakt kommt, kann es seinem Leben einen Sinn geben und gleichzeitig dem anderen helfen aus seinen Schwierigkeiten herauszukommen.

 

Allgemeiner ausgedrückt, unser Reichtum müsste vor allem kultureller, spiritueller ethischer Natur sein, und weniger ein rein quantitativer Reichtum aufgrund der Nutzung und Ausbeutung von Energie und Finanzprodukten.

 

Ja, es fehlt uns immer noch eine Welt-Umwelt-Organisation‘ wie es auch eine Welt-Handels-Organisation gibt, oder einen Hochkommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte. Wenn wir noch den Internationalen Währungsfonds hinzunehmen, könnten diese Organisationen zusammenarbeiten, beinahe mit einer Höherstellung der Welt-Umwelt-Organisation, da ihre Herausforderungen noch wichtiger und bedrohlicher sind. Die Welt-Umwelt-Organisation würde die Strategien vorgeben, nach denen sich die Welt-Handels-Organisation und der Internationale Währungsfond ausrichten müssten, doch die Nationalstaaten verhindern das.

 

Warum ließ ich mich für die Europawahlen 2009 aufstellen. Ich betrachte mich seit jeher als Sozialist. Sozialist in dem Sinne, dass ich mir der sozialen Ungerechtigkeit bewusst bin. … Es reicht nicht sich mit der Rettung oder dem Ablehnen des in die Krise geratenen Systems zufriedenzugeben, sondern man muss nach möglichen Alternativen suchen.

 

Die meiner Ansicht nach wichtigste Reform der internationalen Institutionen ist die Schaffung eines ‚Rat für wirtschaftliche und soziale Sicherheit‘, der aus 20 bis 30 verantwortungsbewusster Staaten unterschiedlicher Kulturen gewählt wird. Dieser Rat entwickelt eine globale Strategie um die größten Herausforderungen anzugehen und über die Finanz-, Handels-, Arbeits- und Gesundheits-Institutionen bestimmt. Die Vereinten Nationen hätten eine klare Führung. Dies ähnelt einem globalen regieren, keiner globalen Regierung, für die wir noch nicht bereit sind. … Die Welt-Handels-Organisation wurde in die Hände der wichtigsten Wirtschaftsländer gegeben. Sie würde dann auch diesem „Sicherheits-Rat“ unterstellt werden und wäre auch den Interessen der wirtschaftlich benachteiligten Staaten verpflichtet. 

 

Es braucht eine Strategie der Regulation, angenommen von allen Staaten, mit einer starken Unterstützung der Welt-Bevölkerung um die Strategie auch umzusetzen.

 

Zunehmend sehe ich, dass neben dem Problem der Menschenrechte, das Problem der Natur und der Umwelt ein mindestens ebenso wichtiges Problem darstellt. Ich sehe für die Zukunft, dass die Menschenrechte genauso respektiert wie die Umweltrechte. Es ist eine Veränderung meiner Einstellung, eine Erweiterung.

 

 

 

Wir brauchen einen neuen Aufbruch

(R.D. Precht und S. Hessel, ZEIT, 23/2011)

 

S.H. Wir müssen versuchen, Gedanken nicht nur in Institutionen, sondern auch in die Köpfe der jungen Leute zu bringen. Um ihre Haltung ändern zu können, brauchen Sie Gedanken der Gelassenheit, der Nicht-Gewalt, des Zusammenlebens von Kulturen, von Zivilisationen.

 

Was ist denn der Mensch? Was ist er geworden? Und was kann er werden? Im Feudalismus war „Ehre“ das wichtigste Wort, dann wurde „Besitzen“ das wichtigste. Dieser besitzende Mensch sollte ein respektvoller Mensch werden – respektvoll gegenüber all dem, was das menschliche Wesen tragen könnte, wenn es gelassener würde.

 

Ich plädiere für das Prinzip des Experiments. Experimente sind überhaupt das wichtigste für uns. Wie sollten in Demokratien soziale und politische Experimente befürworten, damit die Leute Freiheit empfinden.

 

Ich frage mich, was der nächste konkrete Schritt wäre. Gerade wenn man es mit einem solchen Goliath zu tun hat wie dem Weltfinanzsystem. Ich sehe nur Steinschleudern, um gegen diesen Goliath anzugehen. Die Macht, die sich beim Finanzkapital konzentriert, ist heute grösser als diejenige, die je ein römischer Caesar auf sich versammelt hat.

 

 

Biographie Stéphane Hessel :

20.10.1917      Geboren in Berlin

1937               Französische Staatsangehörigkeit, Aufnahme in die Ecole Nationale Supérieure

1941               Beitritt zur Résistance unter Charles de Gaulle

1944/45          Gefangennahme durch die Gestapo, Inhaftierung im KZ Buchenwald .und .Dora,               entkommt zweimal der Exekution

1945               Aufnahme in den diplomatischen Dienstag

1945-48          Mitarbeit an der ‚Deklaration der universellen Menschenrechte‘

1955               Botschafter in Indochina

1970               Stellv. Leiter des UN Entwicklungs-Programms

1977               Botschafter bei der UN

1982               Pensionierung

1994               Vermittlung zwischen Hutu und Tutsi in Burundi

2002               Mitbegründer des ‚Collegium international éthique‘